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Praxisbericht zum Johannes-Rau-Stipendienprogramm

Zwei Schülerinnen des Wilhelm-Gymnasiums Hamburg nehmen teil am Johannes-Rau-Stipendiaten Programm 2010

Geschrieben von: Marleen Och und Sophia Liebke, S1   

Sonntag, 7:00 Uhr am Dammtorbahnhof. Wir machen uns auf den Weg nach Freiburg zu unserem Vorbereitungsseminar. Mit dem Zug einmal ganz durch Deutschland. Mit uns reist Herr Tannert, außerdem jede Menge Zeitschriften, Bücher, Schokolade, Kaffee und vor allem Pullis und Stiefel. Es ist ja schon fast Herbst in Hamburg. Doch als wir nach 7 Stunden Fahrt am Ankunftsort aus dem Zug steigen, strahlt uns die Sonne entgegen, die Hitze haut uns fast um. Um uns herum sind nur Berge und ein paar kleine Häuser. 
Unter Tannen im kühlen Schatten liegt das Tagungshaus. Ein Bach fließt direkt daneben, und die ersten Teilnehmer sind schon angekommen und lassen ihre Füße im Wasser baumeln.

Am Kicker über Menschenrechte diskutiert

Als alle eingetroffen sind, versammeln wir uns und beginnen mit der Vorstellung. 16 Teilnehmerinnen und 4 Teilnehmer aus 10 Bundesländern sind angereist, um sich gemeinsam über Israel und den Nah-Ost-Konflikt zu informieren und zu diskutieren, bevor 2 Wochen später unsere Gäste aus Israel zu uns kommen und mit uns 5 Tage zu Hause und dann nochmal 6 in Berlin zu verbringen. Erstaunlich schnell bricht das Eis, alle sind eifrig am Diskutieren. Die vorgesehenen Stunden reichen noch nicht einmal aus, so dass sich abends nach gemeinsamem Heimkino alle wie durch Zufall beim Kicker wiedertreffen und nicht, wie man denken könnte, die ganze Nacht durchkickern, sondern über Politik und Menschenrechte diskutieren.


So ging es das ganze Seminar weiter: während des Gesprächs mit israelischen und palästinensischen Studenten oder auch in dem Rollenspiel zwischen Israel, Palästina, der Hamas, Ägypten und den U.S.A.
 Aber wir haben nicht nur viele Meinungen und Kontroversen zu Israel gehört, sondern auch viele Freunde gefunden, die wir einige Wochen nach dem Vorbereitungsseminar wiedersehen durften.

Ein jugendliches Bild von Hamburg vermitteln

Doch bevor wir die Deutschen erneut trafen, machten wir erst einmal Bekanntschaft mit unseren israelischen Gästen: Daniella und Sedra, die zu uns nach Hamburg kamen. Wir wollten ihnen vor allem ein realistisches und jugendliches Bild von Hamburg vermitteln. So waren wir z.B. an der Alster und an der Elbe, in der Innenstadt und in der Schanze, aber eben auch einfach nur gemütlich zu Hause oder bei Freunden - und natürlich in der Schule.

Schüler sind überall gleich

Es war toll, wie viele Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten wir zwischen unseren Schulen feststellen konnten. Der Unterrichtsstoff oder die Lehrmethoden in Israel und in Deutschland mögen sich vielleicht unterscheiden, aber die Schüler sind doch überall gleich. Wir haben mal mehr, mal weniger gearbeitet, aber vor allem viel Spaß gehabt: sowohl mit dem S1 PGW-Kurs als auch im Englischunterricht der 4. Klasse bei Herrn Tannert in der Schule am Turmweg. Doch auch wenn wir uns nicht in unserem Alltag unterscheiden, dann doch in unserem Glauben. Auf den Spuren unserer Religionen haben wir viel Spannendes, wie etwa eine lustige, mehrstündige Unterhaltung auf dem Gebetsteppich in der Moschee an der Alster erlebt, aber auch über die schrecklichen Schicksale der jüdischen Bürger während der Verfolgung im Dritten Reich bei einem Rundgang durch das ehemalige jüdische Viertel im Grindel gesprochen.
In unserer gemeinsamen Zeit ist uns allen klargeworden, dass uns nicht die Unterschiede in Herkunft oder Religion trennen, sondern die Gemeinsamkeiten, die wir als Jugendliche teilen, uns zu Freunden gemacht haben.

Die Reise nach Berlin

Am Montag, den 26.09. stehen wir dann wieder auf dem Bahnsteig vom Bahnhof Dammtor. Dieses Mal mit etwas mehr Gepäck und unseren neuen Freunden aus Israel. Das Ziel: Berlin, wo wir die anderen Deutschen mit ihren israelischen Gästen treffen. Nach dem ersten Kennenlernen im Bus, fuhren zur Unterkunft in das „Abacus Tierpark Hotel“, welches leider ein wenig außerhalb des Zentrums liegt, so dass wir jeden Tag eine halbe Stunde mit der Bahn ins Zentrum fahren mussten. Diese Fahrt wurde jedoch wunderbar genutzt, um sich zu unterhalten, was dazu führte, dass sich bereits nach dem ersten Tag jeder mit jedem verstand. Die Sprache war überhaupt kein Problem, auch wenn nicht jeder perfektes Englisch sprach.

An dem Tag nach der Ankunft ging es nach einer kurzen Besprechung der thematischen Gespräche in den Deutschen Bundestag, in dem wir auf die Mitglieder der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe trafen. Wir hatten die Möglichkeit, Fragen zu stellen, von denen sich die meisten um den Nahost-Konflikt drehten. Leider wurden nicht alle Fragen konkret beantwortet. Am Mittwoch machten wir uns nach einer Rallye, die dazu diente, die Stadt Berlin besser kennen zu lernen, auf den Weg zum Holocaust-Denkmal, was unserer Meinung nach ein etwas unglücklicher Tagesplan war. Außerdem wurde das angesetzte Gespräch auf den Abend verschoben, so dass auch noch bis Mitternacht ohne die Aufsichtspersonen im Hotelzimmer weiter diskutiert wurde, ähnlich wie bei dem Seminar in Freiburg. Von den drei weiteren Gesprächen am nächsten Tag (Auswärtiges Amt, Bundespräsidialamt), war jenes mit dem Journalisten und Schriftsteller Joseph Girshovich am interessantesten für alle Beteiligten. Er erzählte uns von sich, seiner Kindheit als Jude in Deutschland und seiner Reise per Anhalter von Berlin nach Jerusalem. Die Tatsache, dass er keinen Cent Geld bei sich hatte, beeindruckte uns am meisten.

Wir lernten, den Nahost-Konflikt besser zu verstehen

So kam dann der letzte Tag vor der Abreise, den wir in Potsdam verbrachten, viel zu schnell. Eine Drachenbootfahrt auf der Havel brachte uns noch einmal näher. Umso trauriger verlief der Abschied am Samstag. Am Berliner Hauptbahnhof wurde sogar die ein oder andere Träne vergossen, obwohl sich alle doch erst seit knapp einer Woche kannten. Wir sind sehr froh, an diesem Programm teilgenommen zu haben, da wir lernten, die Israelis, aber auch die Araber bezüglich des Nahost-Konflikts besser zu verstehen und ihre Motive nachzuvollziehen. Wir lernten außerdem, wie schwer es für Juden ist, mit dem Holocaust umzugehen, doch gleichzeitig wurden wir von deren Offenheit überrascht, denn auch sie haben gelernt, uns zu verstehen. Außerdem haben wir viele wunderbare junge Menschen kennengelernt, mit denen wir noch eng im Kontakt stehen. Die Planung für einen Gegenbesuch ist auch schon im Gange.

Quelle: Website des Wilhelm-Gymnasiums Hamburg