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Erasmus+ ab 2021

Staatssekretär Dr. Georg Schütte im Interview

»Erasmus+ legt bereits in der Schule einen Grundstein für europäische Lebenswege«

Erasmus+, das EU-Programm für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport, läuft noch bis Ende 2020. Doch bereits jetzt werden die Weichen für die Zukunft gestellt. In regelmäßigen Interviews mit Politikern und Programmnutzern begleitet der PAD die Diskussion über Erasmus+ und sein Nachfolgeprogramm. Im Mai beantwortet Dr. Georg Schütte, Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), unsere Fragen.

Herr Staatssekretär Schütte, »Austausch bildet« lautet das Motto des PAD. In welchem Kontext haben Sie solche Bildungserfahrungen machen können?

Als Staatssekretär im BMBF habe ich das Privileg, viel zu reisen, zum Beispiel in unsere Kooperationsländer und zu internationalen Konferenzen. Dabei ergeben sich interessante Gespräche: Mit Amtskolleginnen und -kollegen, mit Expertinnen und Experten, Forschenden und auch mit Studierenden und Auszubildenden. So bekomme ich Einblicke in die Bildungssysteme anderer Länder und erfahre, welche Schwerpunkte unsere Partner in der Bildungs- und Forschungspolitik legen, was dort gut funktioniert und wo Herausforderungen bestehen. Letztlich ist es ja das Ziel unserer internationalen Kooperationen, voneinander zu lernen. Beispielsweise ist Deutschlands duales Berufsbildungssystem mit den beiden Lernorten Betrieb und Schule für viele unserer Partnerländer interessant, weil es sich positiv auf die Beschäftigungsfähigkeit junger Menschen auswirkt. Wir in Deutschland können wiederrum zum Beispiel in Sachen Digitalisierung und digitales Lernen von den Erfahrungen unserer Kooperationspartner profitieren.

Eine Studie des BMBF hat ergeben, dass im Jahr 2017 rund 5,3 Prozent aller Absolventen einer beruflichen Erstausbildung während ihrer Ausbildung einen Auslandsaufenthalt absolviert haben. Bis Ende 2020 soll dieser Anteil auf 10 Prozent erhöht werden. Mit welchen Argumenten würden Sie gerade Betriebe ermuntern, ihren Auszubildenden über Erasmus+ einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen?

Ein Auslandsaufenthalt lohnt sich! Nicht nur für die Auszubildenden, die im Gastland neue Arbeitsweisen kennenlernen, ihre Sprachkenntnisse ausbauen und lernen, sich in einem neuen Arbeitsumfeld zurechtzufinden. Das übt, sich später im Leben auf wandelnde Aufgaben einzustellen. Ein Auslandsaufenthalt lohnt sich vor allem auch für die Betriebe, weil diese von den Lernerfahrungen ihrer Auszubildenden profitieren: Entsendende Betriebe berichten uns, dass ihre Auszubildenden an der Erfahrung spürbar gewachsen sind. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit interkulturellen Kompetenzen, die die Arbeitskultur im Partnerland kennen, sind in einer zunehmend vernetzten Arbeitswelt immer wichtiger. Und: Ausbildungsbetriebe, die einen Auslandsaufenthalt ermöglichen, sind auch für Bewerberinnen und Bewerber interessant. Wenn junge Menschen erfahren, dass sie während der Ausbildung genauso selbstverständlich ins Ausland gehen können wie Studierende, wird auch die Berufsbildung als Karrierewahl attraktiver.

Um das Nachfolgeprogramm von Erasmus+ bestmöglich auszugestalten, sollten Bund und Länder in Brüssel mit einer Stimme auftreten. Auf welchen Feldern sehen Sie derzeit noch besonders großen Abstimmungsbedarf?

Die geteilte Verantwortung für Erasmus+ ist ein Musterbeispiel für funktionierende Zusammenarbeit auf Länder-, Bundes- und europäischer Ebene. Die Vertreterinnen und Vertreter der Nationalen Behörden für Erasmus+ in Bund und Ländern stehen in ständigem Kontakt, was die Umsetzung von Erasmus+ angeht. Die Nationalen Behörden haben sich schon früh zu gemeinsamen Kernforderungen für das Nachfolgeprogramm abgestimmt. So sollen bisher wenig beteiligte Personengruppen besser erreicht werden, die Verwaltung der Erasmus+ Projekte soll für alle Organisationen leichter werden, und wir brauchen mehr Mittel für alle Programmbereiche. Diese Kernforderungen haben wir erfolgreich in die teilweise allgemeine Ausrichtung des Rates im November 2018 eingebracht. Im nächsten Verhandlungsschritt wird es darum gehen, die Vorstellungen von Europäischer Kommission, Europäischem Parlament und Mitgliedsaaten in einem Verordnungstext zu vereinen. Ich bin zuversichtlich, dass dies rasch gelingt.

Erasmus+ wird in der Öffentlichkeit vor allem als Programm für Studierende und Universitäten wahrgenommen? Welche Rolle messen Sie Erasmus+ in der Ausprägung des europäischen Gedankens für Schülerinnen und Schüler bzw. für Auszubildende bei?

Es stimmt, dass die Marke „Erasmus“ nicht zuletzt seit dem Film „L’Auberge Espagnole“ öffentliche Bekanntheit als Mobilitätsprogramm für Studierende genießt. „Erasmus“ steht wie kein anderer Begriff für die Möglichkeit, Europa selbst zu erleben, Kontakte zu anderen Europäerinnen und Europäern zu knüpfen und einzigartige Erfahrungen fürs Leben zu sammeln. Dies gilt aber keineswegs nur für die Studierendenmobilität, sondern für alle Bildungsbereiche, die seit 2014 unter dem gemeinsamen Dach Erasmus+ versammelt sind. Erasmus+ Projekten im Schulbereich kommt eine besondere Rolle als „Funke“ für den europäischen Gedanken zu: Die Schülerinnen und Schüler kommen sehr früh mit Europa und mit Kindern aus anderen europäischen Ländern in Kontakt. So entwickeln sie im jungen Alter ein Verständnis für kulturelle Vielfalt und ein stärkeres Interesse, auch später während ihrer Ausbildung oder ihres Studiums ins Ausland zu gehen. Insofern ist Erasmus+ ein Grundstein für europäische Lebenswege.

In der neuen Programmgeneration soll es finanziell einen deutlichen Aufwuchs geben: Welche qualitativen Verbesserungen erwarten Sie sich damit für das Programm ab 2021?

Die vorgeschlagene Mittelsteigerung soll zunächst einmal dafür sorgen, dass deutlich mehr Menschen an Erasmus+ Projekten teilnehmen können – vor allem diejenigen, die das laufende Programm noch nicht so gut erreicht. Neue Formate wie blended learning können beispielsweise Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Kind oder mit einer Beeinträchtigung dabei unterstützen, einen Auslandsaufenthalt flexibel nach ihren Bedürfnissen zu gestalten. Darüber hinaus sind in der neuen Programmgeneration von Erasmus+ Initiativen geplant, die ganz neue Impulse für die europäische Zusammenarbeit in der Bildung sowie für die Kooperation zwischen Bildung, Forschung und Wirtschaft geben können: Ich meine die Europäischen Hochschulnetzwerke und die Zentren beruflicher Exzellenz, die bereits im laufenden Programm erprobt werden und ab 2021 mit deutlich mehr Mitteln umgesetzt werden sollen. Mobilitätsangebote für alle und europäische Vernetzung sind nicht zuletzt die Grundlage, um die Vision eines Europäischen Bildungsraums Wirklichkeit werden zu lassen. 

Deutschland übt im zweiten Halbjahr 2020 die Ratspräsidentschaft in der EU aus. Welche Impulse und welche Botschaft wünschen Sie sich zum Ende dieser Präsidentschaft und der gemeinsam von Bund und Ländern geplanten Veranstaltungen in diesem Zeitraum für das zum 1. Januar 2021 startende Programm?

Die Botschaft ist: Europa braucht Erasmus+! Sei es die europäische Bildungszusammenarbeit, die bessere Verzahnung von Bildung und Forschung oder die Stärkung der Berufsbildung: In all diesen Themen, die während der deutschen Ratspräsidentschaft diskutiert werden sollen, wird Erasmus+ eine wichtige Rolle dabei spielen, europäische Vorhaben in die Tat umzusetzen. Insofern wird die deutsche Ratspräsidentschaft Erasmus+ eine Bühne bieten und hoffentlich viele Organisationen und Einzelpersonen motivieren, das gestärkte Nachfolgeprogramm zu nutzen und so selbst zu Architekten des Europäischen Bildungsraums zu werden.

 

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