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Erasmus+ ab 2021

Dr. Linn Selle im Interview

»Die "Erfahrung Europa" beginnt bereits im Kindesalter«

Erasmus+, das EU-Programm für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport, läuft noch bis Ende 2020. Doch bereits jetzt werden die Weichen für die Zukunft gestellt. In regelmäßigen Interviews mit Politikern und Programmnutzern begleitet der PAD die Diskussion über Erasmus+ und sein Nachfolgeprogramm. Im September beantwortet Dr. Linn Selle, Präsidentin der Europäischen Bewegung Deutschland, unsere Fragen.

Frau Dr. Selle, »Austausch bildet« lautet das Motto des PAD. In welchem Kontext haben Sie solche Bildungserfahrungen machen können?

Ich hatte die Möglichkeit, schon zu Schulzeiten die Partnerstadt meines Heimatortes in Frankreich kennenzulernen und konnte durch das Erasmus-Programm während meines Studiums in Paris studieren. Sowohl zu Schul- wie Studienzeiten habe ich erlebt, wie wertvoll europäischer Austausch ist. Für mich war ein Engagement für die europäische Idee immer selbstverständlich und so habe ich mich lange bei den Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) zum Beispiel dafür eingesetzt, dass die europäische Öffentlichkeit wächst und immer mehr Menschen ins europäische Ausland gehen können und hautnah solche Bildungserfahrungen machen können. Schön, dass es für viele junge Leute mittlerweile selbstverständlich geworden ist, im Ausland zu studieren und ohne Grenzkontrollen in andere Länder zu reisen. Aber ich glaube, dass Vielen gar nicht bewusst ist, wie fragil diese Selbstverständlichkeit inzwischen leider geworden ist.

»Europa« wird oft als Elitenprojekt betrachtet. Welche europäischen Initiativen sollten gestärkt werden, um möglichst vielen Menschen europäische Erfahrungen und Erfahrungen in Europa zu ermöglichen?

Die »Erfahrung Europa« beginnt bereits im Kindesalter. Deshalb finde ich die Forderung der neuen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, bis 2025 einen Europäischen Bildungsraum mit enger bildungspolitischer Koordinierung der Mitgliedstaaten zu realisieren, gut und wichtig. Die EU wird leider noch zu häufig als etwas wahrgenommen, das nur Eliten zugutekommt. Deshalb sind Angebote für alle Schulformen – auch die Berufsschulen – so wichtig. Dafür steht ja auch der Europäische Wettbewerb der EBD, der jetzt zum 67. Mal stattfindet. Die kreative Auseinandersetzung mit europäischen Themen im Unterricht, alleine oder in einer kleinen Gruppe, ist eine tolle Möglichkeit, Europa für alle erfahrbarer zu machen. Mindestens genauso wichtig ist aber auch die nonformale Europabildung, wie sie zum Beispiel in Sportvereinen oder Jugendverbänden stattfindet. Auch hier müssen wir für mehr Mittel für Austausch- und Bildungsprogramme werben.

Das Nachfolgeprogramm von Erasmus+ ab 2021 soll finanziell einen deutlichen Aufwuchs erfahren und inklusiver gestaltet werden. Welche Impulse erhoffen Sie sich daraus für die »Europabildung«?

Erasmus+ ist das zentrale Programm der EU, wenn es darum geht, die Vorteile der europäischen Integration für junge Menschen erlebbar zu machen. Das Programm fördert jetzt schon Auszubildende, Studierende, Bildungseinrichtungen und Austauschprojekte. Häufig sehen wir jedoch, dass die Angebote vor allem von denen wahrgenommen werden, die es im Zweifel auch ohne Förderung hingekriegt hätten. Das ist auch meine Kritik am »Free Interrail«-Projekt: Es setzt verhältnismäßig viel Geld aus Bildungstöpfen fest, das dann an anderer Stelle fehlt. Dabei sollte es darum gehen, Gruppen, die einen Auslandsaufenthalt bislang nicht ins Auge gefasst haben, davon zu überzeugen, dass sich auch für sie ein solches Programm lohnt. Außerdem muss die Mittelvergabe an demokratisch organisierte Akteure gestärkt werden. Wir alle wissen: Demokratie braucht mehr Zeit, Engagement und Ressourcen als eine simple Projektagentur. Darum sollte ein »Demokratie-Bonus« im EU-Haushalt demokratische Akteure stärken.

»EUnited« lautet das Motto der 67. Runde des Europäischen Wettbewerbs für Schülerinnen und Schüler, der bis Anfang Februar 2020 läuft. Welches ist – gerade mit Blick auf die jüngere Generation – die drängendste Herausforderung in Europa, die sich ohne einen gemeinsamen europäischen Weg schwerlich meistern lässt?

Der Klimawandel ist sicherlich das eindrücklichste Beispiel, warum es nichts bringt, den Kopf in den nationalstaatlichen Sand zu stecken: Der Kampf gegen den Klimawandel ist eine globale Herausforderung und braucht gemeinschaftliche Lösungen. Die »Fridays for Future«-Proteste haben gezeigt, dass in ganz Europa junge Menschen konkrete Maßnahmen von den nationalen Regierungen und der EU einfordern. Hier hat die EU die Chance zu zeigen, was der praktische Mehrwert der europäischen Institutionen ist. Die EU und ihre Werte werden gebraucht – weltweit, aber auch von jedem Einzelnen von uns. »EUnited« – Europa verbindet – haben wir als Motto gewählt um dazu aufzurufen, sich auf das zu besinnen, was uns verbindet. Wir möchten junge Menschen dazu ermutigen, politisch zu denken und klare Forderungen an Regierende und Entscheidungstragende zu formulieren – denn Politikverdrossenheit, Nationalismus und Jugendarbeitslosigkeit sind weitere große Herausforderung, bei denen die Stimme der Jugend gefragt ist.

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