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Erasmus+ ab 2021

Tobias Bütow im Interview

»In jedem deutsch-französischen Austausch steckt ein europäischer Kern.«

Erasmus+, das EU-Programm für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport, läuft noch bis Ende 2020. Doch bereits jetzt werden die Weichen für die Zukunft gestellt. In regelmäßigen Interviews mit Politikern und Programmnutzern begleitet der PAD die Diskussion über Erasmus+ und sein Nachfolgeprogramm. Im Oktober beantwortet Tobias Bütow, seit April 2019 deutscher Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW), unsere Fragen.

Herr Bütow, »Austausch bildet« lautet das Motto des PAD. In welchem Kontext haben Sie solche Bildungserfahrungen machen können, die Sie nicht missen wollen?

Bald nach dem Mauerfall, ich war 14 Jahre alt, sah ich das erste Mal das Mittelmeer. Meine Schulklasse und ich verdankten den Gruppenaustausch mit einer Schule im südfranzösischen Agde einer engagierten Französischlehrerin und dem Deutsch-Französischen Jugendwerk. Später saßen bei uns am Küchentisch in Magdeburg auch belgische und israelische Gastschüler. Ich verliebte mich lebenslänglich in Pralinen und Humus, verzweifelte am subjonctif und lernte von rechts nach links zu lesen. Austausche prägen Biografien. Einige Jahre später zog es mich nach Jerusalem und Sarajevo – bewegende und bereichernde Berufs- und Lebenserfahrungen. Vor knapp zehn Jahren habe ich dann gewissermaßen das Motto „Austausch bildet“ zu meinem Beruf gemacht: Am CIFE in Nizza gründete und leitete ich einen euro-mediterranen Studiengang, bei dem Studierende in Nizza, Tunis, Istanbul und Rom Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit erforschen. Und nun erlebe ich als Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks jeden Tag, wie junge Menschen aus Deutschland, Frankreich und Europa einander begegnen und voneinander lernen. Austausche bilden Gesellschaften in Weltoffenheit aus.

Der im Januar 2019 unterzeichnete »Vertrag von Aachen« sieht die »Förderung des Erwerbs der Partnersprache« und eine »Erhöhung der Zahl der Schülerinnen, Schüler und Studierenden, die die Partnersprache erlernen«, vor. Welchen Beitrag können Erasmus+ Projekte in Ergänzung zu Angeboten des DFJW dazu leisten?

Wir haben ein passendes Programm für jede Altersgruppe und wollen Freude wecken, die Partnersprache zu lernen: Für die Kleinen haben wir eine deutsch-französische Kinderkiste entwickelt, die mit spielerischen Lernmethoden für Französisch und Deutsch sensibilisiert. Im Rahmen unserer Leuchtturmprojekte mobiklasse.de und FranceMobil treffen junge Lektorinnen und Lektoren aus dem Partnerland jährlich auf 115 000 Schülerinnen und Schüler, von der Grundschule bis zum Abitur, um ihnen Sprache und Kultur des Nachbarlandes nahezubringen. In den virtuellen Klassenzimmern der Plattform Tele-Tandem tauschen sich junge Französisch- und Deutschlernende online aus und lernen via Internet mit- und voneinander. Wir bilden Lehrkräfte fort, fördern Sprachkurse und schließlich ist natürlich jede Begegnung selbst ein Katalysator fürs Sprachenlernen.

Glücklicherweise hat das DFJW starke Partner in seinem Engagement – das sich bei Weitem nicht auf den Spracherwerb beschränkt: Wer an unseren Programmen teilnimmt, soll vor allem spüren, was es heißt, junge Europäerin oder junger Europäer zu sein. Erasmus+ kann mehr Europa in bi- und trinationale, aber auch nationale und regionale Jugendarbeit bringen. So kann ein Bedarf gedeckt werden, dem ein bilaterales Jugendwerk wie das DFJW nicht alleine gerecht werden kann – etwa bei Jugendbegegnungen im Weimarer Dreieck, mit dem Westlichen Balkan oder bei euro-mediterranen Begegnungen mit Jugendlichen aus dem Maghreb.

Das DFJW hat selbst mit Partnern in Belgien, Großbritannien und Italien ein Projekt im Rahmen von Leitaktion 3 des Erasmus+ Programms durchgeführt. Worum ging es dabei? Und inwiefern können auch Schulen die Ergebnisse nutzen?

Das DFJW hat mit finanzieller Unterstützung von Erasmus+ die Online-Plattform PARKUR für weitere europäische Sprachen und Länder entwickelt, sodass sie nun nicht nur auf Deutsch und Französisch, sondern auch auf Spanisch, Italienisch und Polnisch zugänglich ist. PARKUR bietet Azubis und Berufsanfängern vor ihrem Start ins Ausland praktische Hilfestellungen und individuelle Betreuung an – zum Beispiel bei der Vorbereitung auf den ersten Arbeitstag oder bei der Wohnungssuche.

Auch bei der Entwicklung von AKI App, einem Tool, das interkulturelle Kompetenzen bewertet und valorisiert, konnte das DFJW auf zusätzliche Förderung durch Erasmus+ zählen. AKI App ist ein großer Erfolg, weil Lernerfolge dokumentiert und im besten Sinne des Wortes vorzeigbar werden. Lehrkräfte können ihre Schülerinnen und Schüler auf diese kostenfreien Onlinetools hinweisen, die Jugendbegegnungen digital weiterentwickeln.

Das DFJW verfügt über eine große Expertise vor allem im Bereich des bilateralen Schüler- und Jugendaustauschs bzw. der Zusammenarbeit im schulischen Bereich, etwa durch Lehreraustausch oder Schulpartnerschaften. Was kann das Nachfolgeprogramm von Erasmus+, das 2021 an den Start geht, aus den deutsch-französischen Erfahrungen lernen?

Wir verstehen unseren Auftrag, die Beziehungen zwischen jungen Menschen aus Deutschland und Frankreich zu fördern, heute mehr denn je europäisch: In jedem deutsch-französischen Austausch steckt ein europäischer Kern. Unsere Partner und wir räumen der europäischen Idee bei Begegnungen explizit Platz ein – dafür unterstützt das DFJW beispielsweise die Entwicklung eines Europaleitfadens für Jugendbegegnungen.

Entscheidend ist: Ein Austausch ist keine Klassen- oder Kreuzfahrt. Ob Reisen bildet und ein Austausch Erkenntnisse nachhaltig vermittelt, liegt wesentlich am pädagogischen Konzept. Im DFJW legen wir darauf großen Wert. Unser erfahrenes Team, speziell ausgebildete Jugendleiterinnen und Jugendleiter, aber auch pädagogische Handreichungen helfen den Organisatoren und Organisatorinnen, die viel Herzblut und Energie in Begegnungen investieren. Mit Jugendaustausch müssen und wollen wir alle jungen Menschen erreichen – also auch jene, für die ein Auslandsaufenthalt unerreichbar erscheint. Dafür bringen wir Akteure aus der Jugendarbeit zusammen und vernetzen die lokalen Ebenen und Regionen.

Erasmus+ würden wir für die nächste Epoche wünschen, in administrativen Dingen von bilateralen Jugendwerken zu lernen: Zwar passt auch beim DFJW noch nicht jedes Antragsverfahren auf einen Bierdeckel, aber wir arbeiten daran, um unser Förderangebot so niedrigschwellig wie möglich zu gestalten.

Das DFJW wiederum kann von Erasmus+ vieles lernen, zum Beispiel, dass bilateral nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Schon vor dem Ende des Kalten Krieges begannen wir Jugendbegegnungen mit „Drittstaaten“ zu entwickeln. Heute wecken Jugendbegegnungen bei bosnischen und serbischen Jugendlichen Hoffnung auf eine friedliche Zukunft in Südosteuropa. Junge Menschen aus Polen oder Tunesien setzen sich mit der jeweils anderen Sichtweise, dem Erfahrungsschatz und den Träumen von Gleichaltrigen auseinander.

Welche Ideen gibt es, bei denen das Programm Erasmus+ künftig ein Förderinstrument für das DFJW sein könnte?

Ganz konkret: Das DFJW fördert beispielsweise junge Menschen, die ohne finanzielle Unterstützung kein Praktikum im Ausland stemmen könnten. Diese Praktikantinnen und Praktikanten können schon heute Gelder des DFJW und von Erasmus+ kombinieren. Um niemanden beim Thema internationale Mobilität zurückzulassen, sind auch künftig Kooperationen dieser Art denkbar und sinnvoll.

Oftmals wird die Forderung nach einem Europäischen Jugendwerk laut. Dabei haben wir bereits zwei davon: Erasmus+ sowie die Jugendstiftung des Europarates. Welch‘ kluge Entscheidung des EU-Parlaments, das Budget für Erasmus+ ab 2021 verdreifachen zu wollen! Während der Europarat die Qualitätsstandards von Jugendbegegnungen gesetzt hat, bildet Erasmus+ gewissermaßen den Rahmen europäischer Jugendbegegnungspolitik und kann damit auch neue, wichtige Projekte anstoßen bzw. Nachbarregionen einbeziehen. Ich würde mich freuen, wenn Erasmus+ signifikant auf den südlichen und östlichen Mittelmeerraum ausgeweitet würde, die geopolitisch so entscheidende Nachbarschaft der EU. Vielleicht können wir eines Tages sogar ein Euro-Mediterranes Jugendwerk in der Familie der Jugendwerke begrüßen? Dann wären wir einen großen Schritt weiter.  

Alle Interviews der Reihe "Nachgefragt"

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