Logo des pädagogischen Austauschdienst

Schriftgröße ändern

Zum Ändern der Schriftgröße verwenden Sie bitte die Funktionalität Ihres Browsers. Die Tastatur-Kurzbefehle lauten folgendermaßen:

[Strg]-[+] Schrift vergrößern
[Strg]-[-] Schrift verkleinern
[Strg]-[0] Schriftgröße zurücksetzen

schließen

Erasmus+ ab 2021

Ulrike Sturm im Interview

»Europäische Zusammenarbeit kann so einfach sein.«

Erasmus+, das EU-Programm für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport, läuft noch bis Ende 2020. Doch bereits jetzt werden die Weichen für die Zukunft gestellt. In regelmäßigen Interviews mit Politikern und Programmnutzern begleitet der PAD die Diskussion über Erasmus+ und sein Nachfolgeprogramm. Im November beantwortet Ulrike Sturm unsere Fragen. Sie unterrichtet Englisch an der Europa- und Ganztagsschule in Blankenburg/Harz und gibt als Erasmus+ Moderatorin in Sachsen-Anhalt ihre langjährigen Erfahrungen weiter.

Frau Sturm, »Austausch bildet« lautet das Motto des PAD. In welchem Kontext haben Sie solche Bildungserfahrungen machen können?

Derartige Erfahrungen zum Austausch über Kulturen habe ich bereits während meines Studiums der Anglistik und Slawistik machen können. Das sollte gerade bei Fremdsprachen so sein, denn eine andere Sprache zu sprechen bedeutet weitaus mehr, als nur Vokabeln zu beherrschen. Ein Semester habe ich in Smolensk studiert und eine solche Erfahrung, die Teilnahme am Leben vor Ort prägt fürs Leben. Nach den ersten Jahren im Schuldienst habe ich die Gelegenheit genutzt und über das damalige EU-Programm Sokrates an einem Sprach- und Methodikkurs für Englischlehrer in Cork teilgenommen und dabei zwei Wochen mit einer Gastfamilie gelebt. Das war sehr bereichernd. Seitdem hat es erst mit COMENIUS und dann mit Erasmus+ immer wieder Bildungserfahrungen gegeben. Diese Sehnsucht nach Lernen vor Ort ist immer da. Auch ein Unterrichten in einem anderen Land und unter anderen Bedingungen kann ich nur empfehlen.

Seit mehr als zehn Jahren koordinieren Sie europäische Projekte an Ihrer Schule? Was war der Auslöser, der diese Europabegeisterung ich Ihnen geweckt hat?

Wie erwähnt: es ist mein eigenes Brennen für reale Begegnungen und das Nutzen von Fremdsprachen. Nicht ohne Grund sagt man „Wer rastet der rostet“. Zudem weitet es den eigenen Blick. Ich muss immer wieder über den Tellerrand schauen, Ideen mitnehmen und eigene weitergeben. Nur wer auch begeisterte Kolleginnen und Kollegen trifft, verliert das eigene Feuer nicht. Und ich bin Fremdsprachenlehrerin, habe noch immer Freude an meinem Beruf und dazu gehört für mich einfach, dass Fremdsprachenlerner durch reales Nutzen der Sprachkenntnisse immer wieder motiviert werden. Das alles ist mit Erasmus+ möglich.

Sie unterrichten an einer Europaschule: Wie wird »Europa« im Schulprofil sichtbar? Und welchen Stellenwert haben dafür die Projekte mit Erasmus+?

Erasmus+ und auch vorher COMENIUS haben und hatten einen bedeutenden Stellenwert in unserer Schulprofilarbeit. Reale europäische Begegnungen gehören zu Europaschulen und wurden so für unsere Schülerinnen und Schüler und das Kollegium möglich. Durch  unsere Projekte mit Schulen aus Island, Norwegen, Österreich, Polen, Schweden, Spanien und der Türkei hatten zum Beispiel alle Schülerinnen und Schüler meiner letzten Klasse die Möglichkeit, zu  europäischen Projekttreffen zu reisen oder diese bei uns vor Ort zu erleben und als Gastfamilie mitzuarbeiten. Auch die Eltern und das Umfeld unserer Schule haben wir damit in europäische Projektarbeit einbezogen. Die Jüngeren haben Europa in virtuellen Reisen erlebt, hier nutzten wir im Ganztagsangebot in Arbeitsgemeinschaften und im Unterricht die Möglichkeiten von eTwinning. Derzeit läuft bei uns das sechste Projekt zur Lehrermobilität und das Interesse zur Teilnahme wächst. Wir realisieren so auch für das Team der Lehrkräfte die Möglichkeit, sich selbst weiterzuentwickeln und mit Kolleginnen und Kollegen aus Europa in den fachlichen Austausch zu treten.

Wenn Sie Ihre bisherige Projektarbeit mit Erasmus+ und eTwinning im Rückblick betrachten: Welches besondere Highlight bleibt Ihnen und hoffentlich auch Ihren Schüler/-innen besonders in Erinnerung?

Da gibt es sehr viele kleine und große Highlights und wenn wir in Kollegenrunden zusammen sitzen, dann tauschen wir uns oft über all die gemeinsam erlebten Höhepunkte aus und entdecken das Verbindende der Projektarbeit. Diese Verbindungen in Europa, die sich zwischen Menschen entwickeln, machen den Reiz aus. Eine besondere Erinnerung für die Schülerinnen und Schüler ist die Auszeichnung für unser erstes eTwinning-Projekt „Fingerm – the Fish“. Ich hatte die Gelegenheit, das Projekt auf einer Konferenz in Kiel vorzustellen, und traf dabei meine eTwinning Partnerin Sari aus Finnland. Wir haben uns sofort auch real verstanden und das Projekt dann gemeinsam vorgestellt. Europäische Zusammenarbeit kann so einfach sein.   

Die Regularien der EU-Programme werden im schulischen Kontext oft als wenig nutzerfreundlich bewertet. Mit welchen Argumenten versuchen Sie in Ihrer Funktion als Erasmus+ Moderatorin Kolleginnen und Kollegen davon zu überzeugen, den Aufwand nicht zu scheuen und sich auf das Programm einzulassen?

Argumente? Ich glaube, dass ein offener Umgang im Miteinander wichtig ist und so sage ich den Kolleginnen und Kollegen immer ehrlich, dass ein Projekt Arbeit bedeutet. Das ist natürlich nicht der Auslöser für eine Antragstellung, denn wer hat schon gern Extraarbeit. Der Funke springt wohl über, wenn ich von unseren Schulprojekten berichte. Die Begeisterung, die aus dem Erlebten spricht, ist echt und dann auch Motivation für andere Schulteams. Und die Möglichkeiten, die das Programm bietet, sind allein schon Argument. Ich untermauere diese mit Beispielen und mache anschaulich, was für eine Schule möglich ist. Die Umsetzung muss dann das Team entsprechend der Gegebenheiten der Einzelschule selbst finden.     

Derzeit werden die Weichen für das Nachfolgeprogramm von Erasmus+ ab 2021 gestellt: Welche praktische Empfehlung würden Sie der EU-Kommission mit auf den Weg geben, damit das Programm für Schulen attraktiv bleibt bzw. attraktiver wird?

Wenn ich von mir persönlich ausgehe, dann sollten Beantragung und Verwaltung der Projekte für Schulen vereinfacht werden. Das wünschen wir uns aber immer, das zeigte auch die vorherige Frage schon. Bei der derzeitigen Aufgabenverdichtung im schulischen Bereich stellen die Umsetzung und das Beachten der Rechtsgrundlagen schon einen ziemlichen Aufwand dar. Mein praktischer Tipp lautet deshalb: die EU-Kommission sollte bei allen neuen Regularien immer daran denken, dass an Schulen Lehrer arbeiten und keine ausgebildeten Anwälte und Ökonomen. Schulen arbeiten für und mit Kindern und dürfen nicht im Verwaltungsaufwand ersticken. Der muss reduziert werden.

Alle Interviews der Reihe "Nachgefragt"

Mehr zum Thema "Erasmus+ ab 2021"

nach oben Seite drucken