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Deutsch-tschechische Schülergruppen entwickeln Lastfahrzeuge

In binationalen Teams haben Schülerinnen und Schüler zweier technischer Gymnasien in Tschechien und Deutschland Fahrzeuge und Transporteinheiten mit CAD und CNC-Programmen entwickelt und durch ihre Projektarbeit ihren Schulalltag verändert. Die zweijährige Zusammenarbeit wurde als bilaterale COMENIUS-Schulpartnerschaft von der EU gefördert. Der PAD zeichnet das Projekt "The Creation of a Storage, Transport and Loading Unit for Industrial, Mass and Container Goods" der Werner-von-Siemens-Schule Wetzlar (Hessen) und der Sigmundova střední škola strojírenská Lutín (Tschechien) als "Projekt des Monats Januar 2012" aus.

Projektbeschreibung

''Es ist eine tolle, wenn auch anstrengende Erfahrung für alle, die sich an einem solchen Projekt beteiligen.'' Markus Schramm, Lehrer

Die Mechatronik-Schülerinnen und -Schüler arbeiteten zwei Jahre in binationalen Teams, um ein Modell einer ferngesteuerten Transport- und Ladeeinheit, einer Vorrichtung zum Be- und Entladen von LKWs und Bahnwaggons, herzustellen. Das Projekt begann 2009 mit 24 Schülerinnen und Schülern der 11. Klassen und fand im Sommer 2011 mit einer Präsentation seinen Abschluss. Beteiligt waren zwei berufsbildende Gymnasien in Lutin (Tschechien) und Wetzlar (Hessen). Die Projektarbeit wurde in den Unterricht integriert und ist Vorbild für andere Bildungsgänge der Schule geworden.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe

"Man wird als Kollege angenommen. Niemand sagt mehr, das sind die Deutschen und das sind die Tschechen." Joachim Hunke, Projektkoordinator Wetzlar

Von der Projektplanung bis zur Durchführung arbeiteten die Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler aus Deutschland und Tschechien gleichberechtigt zusammen. Die gemeinsamen zweiwöchigen Arbeitsphasen, die abwechselnd an den beiden Schulen stattfanden, wurden durch sportliche und kulturelle Aktivitäten ergänzt. Durch die ihnen ermöglichte Selbständigkeit und das zielgerichtete Arbeiten waren die Schülerinnen und Schüler hochmotiviert und zeigten beeindruckende Leistungen. Durch die gemeinsamen Erlebnisse entstand ein vertrauensvolles Verhältnis und eine Offenheit für andere Kulturen und Sprachen.

Schulentwicklung durch COMENIUS

"Das COMENIUS-Projekt ist ein Aushängeschild für unsere Schule, denn mit unserer Projektarbeit haben wir den Unterricht grundlegend verändert." Joachim Hunke, Projektkoordinator Wetzlar

Die positiven Erfahrungen dieses COMENIUS-Projektes wirken auch nach Beendigung weiter. Von den beteiligten Schülerinnen und Schülern, die jetzt ihr Abitur ablegen, trauen sich überproportional viele zu, mit einer "besonderen Lernleistung" in die Prüfung zu gehen. An der Werner-von-Siemens-Schule wird die Projektarbeit inzwischen auch in anderen Bildungsgängen als Methode ernst genommen. Außerdem wurden weitere COMENIUS-Projekte gestartet. In Hessen gelang es der Werner-von-Siemens-Schule, ihre langjährigen Erfahrungen mit europäischen Kooperationsprojekten in die Lehrplankommission einzubringen: Die  Projektarbeit wurde für den Fachbereich Mechatronik an beruflichen Gymnasien in der Klasse 12 institutionalisiert.

"Man muss sich auf Augenhöhe begegnen" – Erfahrungsbericht

Mit ihrem COMENIUS-Projekt "The Creation of a Storage, Transport and Loading Unit for Industrial, Mass and Container Goods" gelang es Joachim Hunke und Markus Stamm, im Fachbereich Mechatronik an ihrer Schule die Projektarbeit im Unterricht zu institutionalisieren. Der PAD sprach mit  Joachim Hunke und Markus Stamm, die von 2009 bis 2011 als Lehrer an der Werner-von-Siemens-Schule die COMENIUS-Schulpartnerschaft betreut haben. Lesen Sie, wie ein COMENIUS-Projekt den Schulalltag verändert. 

Was war das Besondere an dieser Zusammenarbeit mit der tschechischen Schule?

Hunke: Man ist als Kollege aufgenommen. Da gibt es nicht "die Tschechen" oder "die Deutschen". Das Verhältnis zueinander ist vertrauensvoll und immer kooperativ. Inzwischen haben wir bereits die Bewilligung für unser nächstes gemeinsames COMENIUS-Projekt erhalten, das bis 2013 läuft.

Stamm: Das deutsch-tschechische Projektteam hat über die gesamte Zeit gut und gleichberechtigt zusammengearbeitet und hat auch die Schülerinnen und Schüler in die Planung, Organisation und Durchführung einbezogen. Unsere Partnerschaft besteht seit sechs Jahren und wird fortgesetzt.

Wie wirkt sich die COMENIUS-Schulpartnerschaft im Schulalltag aus?

Hunke: Wir haben sehr gute Erfahrungen mit der Projektarbeit gesammelt. Die Schülerinnen und Schüler in Mechatronik erfahren auf diese Weise selbstorganisiert zu lernen, zeigen Eigeninitiative und arbeiten praxisorientiert in Teams. In der COMENIUS-Projektarbeit setzen sie sich in der Gruppe ein Ziel, das sie bis zum fertigen Produkt verfolgen. Diese Art zu arbeiten hat sich an unserer Schule fast überall durchgesetzt. Die Zeiten sind vorbei, wo wir "trockene Formeln" im Frontalunterricht vermitteln. Die Kolleginnen und Kollegen müssen sich zwar mehr absprechen als im traditionellen Unterricht. Aber sie sind zufriedener mit dieser Arbeitsweise, weil die Schülerinnen und Schüler sehr motiviert sind.

Stamm: Das Kollegium steht hinter unserer Projektarbeit. Sie akzeptieren, dass die beteiligten Kolleginnen und Kollegen in den Begegnungsphasen für andere Aufgaben nicht zur Verfügung stehen und vertreten werden müssen. Die Erfahrungen mit COMENIUS-Projekten sind so gut, dass wir diese Form des Lernens ins Schulcurriculum aufgenommen haben.

Hunke: Die Projektarbeit der letzten zwei Jahre zeigt erstaunliche Nachwirkungen bei den Schülerinnen und Schülern, die jetzt mit den Abiturprüfungen beginnen. 15 von ihnen nehmen die Möglichkeit war, mit einer "persönlichen Lernleistung" ins Abitur zu gehen. Statt einer mündlichen Prüfung in einem beliebigen Fach entscheiden sie sich dafür, selbst etwas zu entwickeln und dies zu dokumentieren. Wir führen das auf das gewachsene Selbstbewusstsein der am COMENIUS-Projekt beteiligten Schüler zurück, die gelernt haben, eigene Projekte zu verfolgen.

Welche Schwierigkeiten traten auf?

Stamm: Es gab keine Schwierigkeiten, die wir nicht gemeinsam lösen konnten. Die Kommunikation in den deutsch-tschechischen Schülergruppen gelang im Zweifelsfall mit einem Blatt Papier und Kugelschreiber oder über das Internet, wenn Fragen mit Englisch, Deutsch und Tschechisch nicht zu klären waren. In der wöchentlichen "COMENIUS-Stunde" haben wir bereits im Vorfeld eine "Erste-Hilfe-Sprachbox Tschechisch" entwickelt, um die Sprache der Partner ansatzweise zu lernen. Im Lehrerteam war eine Kollegin der Werner-von-Siemens-Schule, die tschechisch dolmetschte.

Was hat Ihnen persönlich am besten gefallen?

Stamm: Die deutschen und tschechischen Schülerinnen und Schüler! Sie sind hochmotiviert und sehr zuverlässig. Ihre unvoreingenommene Einstellung hat zum Gelingen beigetragen. Alle waren bereit, sich auf neue Situationen, Aufgaben und Personen einzulassen. Durch die gemeinsamen Erlebnisse beim Austausch hat sich auch die Beziehung zwischen Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern verändert. Sie gehen entspannter miteinander um und das Verhältnis ist vertrauensvoller. Die Einstellung der Schülerinnen und Schüler ändert sich auch, sie sind offener gegenüber Osteuropa und haben da keine Vorurteile mehr. Für sie sind alle Europäer. Sie nehmen freiwillig Gäste auf und fahren auch freiwillig auf Wochenendfreizeiten, wo wir zum Beispiel paddeln, Radtouren unternehmen oder Betriebe besichtigen.

Hunke: Die COMENIUS-Arbeit ist zum Aushängeschild für unsere Schule geworden. Es ist uns sogar gelungen, dass im neuen Lehrplan für das berufliche Gymnasium Mechatronik in Hessen zwei Stunden für Projektarbeit vorgesehen sind.

Was würden Sie anderen raten?

Stamm: Damit eine COMENIUS-Partnerschaft erfolgreich verläuft, müssen alle an einem Strang ziehen. Außerdem muss man sich auf Augenhöhe begegnen. Natürlich ist ein solches Projekt mit viel Arbeit verbunden, die sich aber lohnt. Das Material muss da sein, die Maschinen vorbereitet und die Arbeitsbeschreibungen müssen in beiden Sprachen vorliegen. Die Zeit ist knapp und man muss sofort loslegen können, wenn die Projektbewilligung kommt. Wir haben auch die Ferien genutzt, um im Kollegenteam das erste Modell komplett zu bauen. Wir planen alles genau, selbst für die Freizeitaktivitäten haben wir Alternativen in der Schublade, falls das Wetter nicht passt.

Projektdaten

Projektdaten

  • Schulen

    Werner-von-Siemens Schule, Wetzlar (Hessen)
    Sigmundova střední škola strojírenská, Lutín (Tschechien)
  • Teilnehmerinnen und Teilnehmer

    • Jeweils ca. 24 Schülerinnen und Schüler des beruflichen Gymnasiums Klasse 12, Schwerpunkt Mechatronik, sowie der Partnerschule in Lutín.
    • Eine Lehrerin und sechs Lehrer aus Deutschland, zwei Lehrerinnen und zwei bis drei Lehrer aus Tschechien.
  • Projektdauer

    Jeweils 14 Tage in Lutín (Tschechien) und Wetzlar (Deutschland) mit mehrwöchiger Projektvorbereitung.
  • Das Lehrkräfte-Team

    Dagmar Künzel, Erwin Schwarz, Reinhard Winter, Peter Guld, Gerhard Bussweiler, Lada Portes, Lenka Pomykalová, Joachim Hunke und Markus Stamm
  • Projektsprachen

    Englisch, Tschechisch und Deutsch
  • Projektschwerpunkte

    • Oktober 2009: Projektvorbereitung; gemeinsames Kennenlernen der einzelnen Softwareprogramme, Werkzeugmaschinen etc.; Fertigung von ersten Bauteilen.
    • Mai 2010: Herstellen des funkgesteuerten Transport-Zugfahrzeugs.
    • Oktober 2010: Herstellen des Anhängers sowie der Verbindung (Kupplung) zum Zugfahrzeug.
    • Mai 2011: Herstellen des Portalkrans sowie der Steuerung.
    • Alle hergestellten Produkte wurden mittels 3D-CAD-Programm konstruiert.
    • Aus diesen Daten wurden einige Fertigungsteile mittels 3D-Drucker plastisch "ausgedruckt", andere mittels CNC-5-Achsen-Fräsmaschine gefräst.
    • Die notwendigen elektronischen Bauteile / Schaltungen werden von den binationalen Gruppen entwickelt, aufgebaut und in die mechanische Baugruppe integriert. 
    • Von jedem Projektabschnitt erstellen die Schülerinnen und Schüler eine Dokumentation (bi- bzw. trilingual, d.h. in Deutsch, Tschechisch und Englisch).
    • Die Schülerinnen und Schüler stellen ihre einzelnen Projekte in einer Gesamtpräsentation vor.
  • Förderprogramm

    Die bilaterale COMENIUS-Schulpartnerschaft wurde gefördert im Programm für lebenslanges Lernen der Europäischen Union. Seit 2014 können vergleichbare Projekte über das EU-Programm Erasmus+ gefördert werden.
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