Logo des pädagogischen Austauschdienst

Schriftgröße ändern

Zum Ändern der Schriftgröße verwenden Sie bitte die Funktionalität Ihres Browsers. Die Tastatur-Kurzbefehle lauten folgendermaßen:

[Strg]-[+] Schrift vergrößern
[Strg]-[-] Schrift verkleinern
[Strg]-[0] Schriftgröße zurücksetzen

schließen

Armenien - Bericht vom eTwinning Plus-Kontaktseminar

Ein Teilnehmer des ersten eTwinning-Kontaktseminars in Armenien schildert seine Eindrücke.

"Hallo Radio Eriwan! Ich hab da eine Frage …" Wer kennt sie nicht, diese Kalauer aus Armenien. Und die 56 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des eTwinning Plus-Kontaktseminars im Herbst 2016 hatten viele Fragen, denn nur wenige kannten das Land im Kaukasus aus eigener Erfahrung. Bereits die Anreise war für einige Lehrkräfte abenteuerlich, manche reisten via Tiflis oder gar Moskau in die armenische Metropole, um zum Seminarort zu gelangen. Dieser war nicht, wie viele der Teilnehmenden dachten, in Jerewan selbst, sondern etwa 40 Kilometer in den Bergen des Kaukasus gelegen, eine Tatsache, die vor allem in den inzwischen doch kühlen Nächten physisch spürbar wurde.

Land mit bewegter Geschichte

Armenien – ein Land, das gerade in Deutschland in jüngster Zeit wieder ins Bewusstsein gerückt wurde, verabschiedete doch der Bundestag erst vor kurzem die umstrittene Armenienresolution zum Genozid (1915/16) des armenischen Volkes, der dieses bis heute traumatisiert und sich in dem die Stadt überragenden Völkermorddenkmal auf dem Zizernakaberd manifestiert. Bis heute bildet dieses Ereignis eine Klammer, die das über die ganze Welt verstreute Volk der Armenier eint. Schmerzhaft werden die Armenier auch an klaren Tagen an den Aghet erinnert, wie der Völkermord auf Armenisch bezeichnet wird, wenn der Ararat mit seinem schneebedeckten Gipfel aus der Ferne das Stadtbild überragt. Einst gehörte der Berg zum Zentrum des armenischen Siedlungsgebietes, heute befindet er sich jedoch auf türkischem Territorium.

Eine weitere wichtige Rolle im Leben der Armenier spielt die Religion, war doch Armenien das erste Land, das im Jahr 301 das Christentum als Staatsreligion einführte, und bis heute gehört die Mehrheit der Bevölkerung der Armenischen Apostolischen Kirche an.

Heutige Situation

Wie sieht die Lage in diesem Land heute aus? Zunächst ist festzustellen, dass das kleine Land mit seinen insgesamt knapp 3 Millionen Einwohnern - davon alleine 1,2 Millionen in der Hauptstadt - unter der geographischen Isolation leidet. Die Grenze zur Türkei ist schon lange geschlossen, ebenso die Grenze zu Aserbaidschan nach dem Konflikt um die Region Bergkarabach. Die Wege über Land sind nur noch nach Georgien und den Iran offen, eine Situation, die den Armeniern das Gefühl der Abgeschlossenheit vermittelt. Die Wirtschaft selbst bietet nur wenig Perspektiven, der Energie- und Telekommunikationssektor ist fest in russischer Hand. Die Konsequenz daraus ist, dass vor allem die Jugend, aber auch gut ausgebildete Erwachsene, das Land in Scharen verlassen und ihr Glück in der westlichen Welt, vor allem in den USA und in Europa suchen, ein Aderlass, welcher der armenischen Gesellschaft zunehmend Probleme bereitet. Allerdings ist der Exodus angesichts eines durchschnittlichen Jahreseinkommens von 790 Dollar zu verstehen, wobei dieses Einkommen sehr ungleichmäßig verteilt ist.

Dennoch setzt das Land verstärkt auf qualitativ hochwertige Bildung, um der Abwanderung der zukünftigen Hoffnungsträger entgegen zu wirken. So begrüßt auf dem Flughafen von Jerewan den ankommenden Reisenden ein riesiges Werbeschild mit dem Slogan "Why do 10.000 people leave Armenia every year? We are looking for 3.000 IT-specialists!"

Mit eTwinning Grenzen überwinden

Und genau hier beginnt eTwinning! Die armenischen Kolleginnen und Kollegen setzen ihre Hoffnungen auf die europäische Kooperation in Zusammenarbeit mit den Schulen aus Europa. Sie wollen einerseits Partnerschaften mit Schulen aus ganz Europa fördern, von ihnen lernen, aber auch sich mit ihnen messen, ihre eigenen Vorstellungen und Erfahrungen mit einbringen. Dieser Wille, die Grenzen, die Isolation zu überwinden, die Zusammenarbeit im Bildungsbereich mit Europa zu suchen, war bei den armenischen Kollegen mehr als deutlich spürbar. Zwar ist ihnen bewusst, dass eTwinning zunächst "nur" ein Austausch auf einer virtuellen Plattform ist. Doch auch wenn reale Begegnungen nicht gefördert werden, wollen armenische Lehrkräfte ihren Schülern diese Möglichkeiten der europäischen Kooperation unbedingt bieten. Sie versprechen sich davon einen immensen Motivationsschub in ihrem Unterricht, vor allem was den Bereich Fremdsprachen, aber auch den Bereich des interkulturellen Lernens als auch die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und Bildungssystemen betrifft.

Für die armenischen Kolleginnen und Kollegen, vor allem jene, die auf den Dörfern und in den Kleinstädten weitab der Hauptstadt Jerewan unterrichten, ist eTwinning ein Schlüssel zu Europa und zur Welt, der ihre Schüler befähigt, sich in diesem Umfeld zu bewegen und sich mit ihnen auszutauschen. Gerade für die kleineren Schulen würden Projekte mit Schulen in Europa eine immense Aufwertung bedeuten, da sie im Schatten der Metropole stehen und sowohl finanziell als auch personell dieser gegenüber erheblich benachteiligt sind. Die Projektarbeit im Rahmen von eTwinning würde diesen Schulen zunächst einen großen Imagegewinn verschaffen, neben den bereits schon oben genannten Vorteilen und sie auch in die Lage versetzen, international als auch national konkurrenzfähig zu sein.

Neue Schulpartnerschaften mit Armenien

Während des Kontaktseminars stellten Lehrkräfte aus Armenien in verschiedenen Workshops die Möglichkeiten von eTwinning vor. Vahe Yeritsan von der armenischen Koordinierungsstelle stellte die bisher durchgeführten Projekte mit armenischer Beteiligung vor und wie sie sich die Zukunft von eTwinning in ihrem Land vorstellen. Seine Kollegin Sona Manukyan zeigte an Beispielen, wie man die Schüler für eTwinning motiviert und Manoushak Petrosyan stellte die Möglichkeiten von TwinSpace für die Online-Zusammenarbeit vor. Alle Tools, Möglichkeiten und Aspekte von eTwinning, darunter auch der TwinSpace und eTwinning Live wurden von den armenischen Kollegen ausführlich vorgestellt und detailliert erläutert. Anschließend präsentierten Kolleginnen und Kollegen aus Polen, Italien und der Slowakei verschiedene Beispiele guter Praxis.

Insgesamt verbrachten die 56 Teilnehmenden aus Litauen, Italien, der Slowakei, Frankreich, Österreich und Deutschland drei arbeitsreiche Tage in Armenien, einige konkrete Projekte wurden auf den Weg gebracht und vielversprechende Kooperationen unter Einbeziehung der armenischen Partner angestoßen. Bleibt zu hoffen, dass einige dieser Projekte auch ihre Fortführung in eTwinning finden und zu einer Kooperation zwischen europäischen und armenischen Schulen führen werden.
Allerdings sollten, wenn entsprechende Kooperationen und gute Projekte im Laufe von eTwinning entstehen, den jeweiligen Partnern die Möglichkeiten einer Förderung durch PASCH nahegebracht und auch bei förderungswürdigen Projekten empfohlen werden. Mit der Initiative "Schulen: Partner der Zukunft (PASCH)" bietet sich die Möglichkeit, zumindest eine gewisse Förderung einer realen Austauschbegegnung zu leisten.

Mein Fazit: Ein Besuch, der sich gelohnt hat, selbst wenn es noch einige "Baustellen" gibt.

Werner Dietsche
(eTwinning-Moderator in Baden-Württemberg und Teilnehmer des Kontaktseminars)

Weitere Informationen

Der PAD fördert Begegnungen zwischen Schulen in Deutschland und Armenien aus Mitteln der Initiative "Schulen: Partner der Zukunft" (PASCH).
Schulpartnerschaften der PASCH-Initiative

Die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB) bietet Informationen zum Bildungswesen aller Staaten weltweit.
Informationssystem: Bildungssystem in Armenien

Auf der Webseite des Auswärtigen Amtes finden Sie Informationen zur Kultur- und Bildungspolitik von
Armenien
Armenien - Kultur- und Bildungspolitik

nach oben Seite drucken