Das Logo von Erasmus+

„Mit Koffer, Fahrrad und Gitarre“

Johannes Hösle (1929-2017) war 1952/53 Fremdsprachenassistent am Lycée Fontanes in Niort in Frankreich. Wie es dazu kam und was er als Deutscher in Frankreich erlebte, daran erinnerte er sich in einem Gespräch, das der PAD 2011 mit ihm führen konnte.

Im Gespräch mit Johannes Hösle

Nachdem ein Ministerialbeamter Sie nach einem Unterrichtsbesuch herablassend behandelt hatte, entschlossen Sie sich, eine Assistentenstelle anzutreten. Müssen Sie ihm rückblickend nicht dankbar sein?

Der Ministerialbeamte gab mit seinem Verhalten tatsächlich den entscheidenden Anstoß. Er verhielt sich wichtigtuerisch und zählte, kaum dass die Schüler sich nach dem Unterricht in Richtung Pausenhof verzogen hatten, zunächst einmal auf, was ich alles falsch gemacht hatte. Ich war bereits zuvor weder als Referendar noch Assessor, sondern als höheres Studiensemester in Ravensburg tätig gewesen. Nach dem Krieg war das mangels ausgebildeter Lehrer keineswegs ungewöhnlich. Ein freundlicher Mitarbeiter der Schulbehörde in Tübingen, bei dem ich mich nach dem Assistentenprogramm erkundigen wollte, fragte mich, ob ich für eine erkrankte Lehrerin an einer Schule einspringen könnte. So wurde ich zunächst nach Ravensburg und dann nach Biberach geschickt. Da ich zum Zeitpunkt des Unterrichtsbesuchs aber bereits die Zusage für eine Assistentenstelle in Frankreich hatte, war mein Ehrgeiz, das Staatsexamen abzulegen, anschließend gering.

 

Wie sind Sie seinerzeit auf das Assistentenprogramm aufmerksam geworden?

Zu den wegweisenden Initiativen der Franzosen schon bald nach Kriegsende gehörte es, Begegnungen zwischen jungen Leuten beider Länder zu ermöglichen. Eine in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzende Rolle bei diesen ersten Kontakten spielten junge Germanisten, die als Assistenten an die höheren Schulen entsandt wurden. Einen von ihnen, Pierre Chevallier, der 1949/50 am Progymnasium in Rottenburg war und später auch eine Vereinigung ehemaliger Assistenten und Lektoren gründete, lernte ich auf den täglichen Zugfahrten nach Tübingen kennen, wo er und ich studierten. So erfuhr ich von der Existenz dieses Programms. Später fragte ich bei der Schulbehörde nach, ob es etwas Vergleichbares für Frankreich gebe. Der erwähnte Mitarbeiter erklärte mir, er müsse noch einige Informationen abwarten, ehe er mir Einzelheiten zu den Formalitäten einer Bewerbung nennen könne. Als er erfuhr, dass ich an der Universität bereits die Zwischenprüfung abgelegt und mit dem Fahrrad eine mehrwöchige Tour durch Frankreich unternommen hatte, schickte er mich als Französischlehrer zunächst einmal nach Ravensburg in die Schule.

Zur Person

Johannes Hösle, Jahrgang 1929, war von 1955 bis 1965 Lektor und Leiter des Goethe-Instituts in Mailand und von 1968 bis zur Emeritierung Professor für Romanische Literatur­wissenschaft an der Universität Regensburg. 1952/53 kam er als Fremdsprachen­assistent ans Lycée Fontanes in Niort (Deux-Sèvres). In seinen 2002 erschienenen Erinnerungen unter dem Titel „Und was wird jetzt?“ (Verlag C.H. Beck) geht er auch auf diese Zeit ein.

Slide von 
  • 1952/53 in Frankreich

    Johannes Hösle erinnert sich

    „Wo Niort lag, wusste ich nicht. Als ich in meinem Atlas nachschaute, stellte ich fest, dass es sich um eine eher kleine Stadt handelte. Das war aber nicht weiter schlimm. Im Gegenteil, genau das wollte ich, denn so habe ich monatelang kein Deutsch gesprochen. Für meine Sprachpraxis war das entscheidend, und dafür bin ich heute noch dankbar. Außerdem hat die Provinz einen weiteren Vorteil: Im Gegensatz zu denen, die aus Paris, London, Rom oder Berlin kommen, bildet sich der Provinzler nicht ein, er habe schon aufgrund seiner Herkunft die Weisheit mit den Löffeln gefressen.“

  • 1952/53 in Frankreich

    Johannes Hösle erinnert sich

    „Das Gebäude, das wohl im zweiten Kaiserreich unter Napoleon III. erbaut worden war, glich einem militärischen Komplex. Im Unterricht und im Internat galt eine strenge Disziplin. Viele Schüler haben dagegen rebelliert, indem sie die „Pions“ – das waren im nahe gelegenen Poitiers immatrikulierte Studenten, die die im Internat untergebrachten Schüler beaufsichtigten – mit allerlei Schimpfwörtern belegten. Da ich, wie die englischen Assistenten und die „Pions“, in einem der an einem langen Gang aufgereihten Einzelzimmer wohnte, entstanden Freundschaften, die heute noch bestehen – ein unschätzbarer, bleibender Gewinn.“

  • 1952/53 in Frankreich

    Johannes Hösle erinnert sich

    „Schon das Conciergeehepaar der Schule hatte mich sehr freundlich empfangen, als ich eines Abends mit Koffer, Fahrrad und Gitarre eintraf. Der Schulleiter war erfreut, dass er neben einem Assistenten aus England zum ersten Mal einen Deutschen hatte. Von Seiten der Schüler habe ich keine Unfreundlichkeiten erlebt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals als „Boche“ abqualifiziert worden wäre, was ich, angesichts der noch frischen Erinnerungen an den Krieg, ohne weiteres akzeptiert hätte. An der Schule bekam ich für damalige Verhältnisse großartiges Essen. Welche Bedeutung das für einen Studenten wie mich hatte, vermag man sich heute kaum noch vorzustellen.“

Wenige Jahre zuvor war Niort von den Deutschen besetzt. Hat man Sie Ihre Herkunft spüren lassen?

Ich erinnere mich nur an eine Episode in der Stadtbücherei, wo ich mich oft aufhielt. Die Direktorin nahm eine Feierstunde zum Anlass, um irgendein Unrecht, das dem Buchbestand von den deutschen Besatzern angetan worden war, zu erwähnen. Dabei blickte sie strafend in meine Richtung, als habe es sich bei den Übeltätern zumindest um nahe Verwandte von mir gehandelt. Mir schien allerdings, dass ihre Mitarbeiterin mehr als ich unter dieser Unterstellung litt. Ich verlor auch nicht die Contenance, war ich doch, als ich meine Stelle antrat, durchaus darauf gefasst, als Deutscher, wenn nicht gerade angepöbelt, so doch gelegentlich unfreundlich behandelt zu werden. Davon konnte aber, abgesehen von diesem einzigen Fall, nicht die Rede sein.

 

Was denken Sie, was die Schüler seinerzeit von Ihnen gelernt haben?

Sie haben sicher gesehen, dass hier ein Deutscher daher kam, der ein ganz normaler Mensch war. Der Krieg war ja für viele noch in allernächster Erinnerung und es gab viele Franzosen, die mit den Deutschen keine guten Erfahrungen gemacht hatten.