Im Gespräch mit Jan Kammann
Im Deutschunterricht an der Schule in Changchun ging es oft um Präpositionen in technischen Zusammenhängen. Wie kam das?
Die Vokabeln im Deutschlehrbuch, mit dem ich arbeitete, drehten sich oft um Werkzeuge und Werkbänke. „Lege den Bohrer auf die Schraube“, war ein typischer Satz. Woran das lag, wurde mir schnell klar: In Changchun gibt es ein großes Werk eines Autobauers aus Wolfsburg, um das herum sich zahlreiche Zulieferer angesiedelt haben. Und viele der Schülerinnen und Schüler wollten später in diesen Betrieben arbeiten.
Welche Vorstellung über Deutschland konnten Sie durch Ihr Verhalten widerlegen?
Das Bild ist stark geprägt von innovativer Technik und Mechanik. Viele Chinesen haben Förderbänder in großen Autofabriken im Kopf und denken, dass hierzulande alles perfekt organisiert ist und immer funktioniert. Diesen Perfektionismus würde ich für mich so nicht in Anspruch nehmen. Meinen Unterricht jedenfalls lasse ich gerne auch mal in eine andere Richtung laufen als vorher geplant.
Ihrer Zeit als Fremdsprachenassistent in China verdanken Sie ein klein wenig die Idee für das Buch „Ein deutsches Klassenzimmer“, oder?
Im Rückblick mag das tatsächlich so erscheinen. In Changchun hatte ich immer frei, wenn Prüfungen anstanden. Und weil ich gerne Schülerinnen und Schüler anzapfe, habe ich mir für diese Phasen Tipps für Routen erstellen lassen, was ich als Neuling unbedingt anschauen sollte. Da kamen wunderschöne Ideen zusammen – von Einladungen zum traditionellen Moon-Cake-Festival bis hin zur Aufforderung, Taiwan zu besuchen. Nicht alles konnte ich umsetzen. Aber die vielen Vorschläge haben mich bestimmt nicht dümmer gemacht.
Zur Person
Jan Kammann, Jahrgang 1979, unterrichtet Englisch und Erdkunde am Europagymnasium Hamm in Hamburg. 2008/09 war er Fremdsprachenassistent an einer Schule in der nordostchinesischen Provinz Changchun. 2018 veröffentlichte er das Buch „Ein deutsches Klassenzimmer“, für das er die Herkunftsorte und -länder seiner Schülerinnen und Schüler besucht hatte. 2025 erschien Ein europäisches Klassenzimmer, für das er sich in Europa auf eine Reise durch die Herkunftsländer seiner Klasse machte.
Wie kam es zu der Idee, in einem Sabbatjahr auf Weltreise zu gehen?
Eine meiner ersten Aufgaben nach meinem Einstieg als Lehrer bestand darin, eine zehnte Klasse zu übernehmen, deren Schülerinnen und Schüler vorher die Internationale Vorbereitungsklasse absolviert hatten. Das war eine sehr bunte Zusammensetzung. Neben den Geflüchteten aus Afghanistan oder Syrien mit sehr traurigen Biografien saßen Kinder aus nordamerikanischen Familien, deren Eltern in Hamburg arbeiteten. Dazu kamen Schülerinnen und Schüler, die am John-Neumeier-Ballett, eine der Kaderschmieden in Europa, ausgebildet wurden. Das waren hochbegabte Tänzerinnen und Tänzer, die aber gleichzeitig der Schulpflicht unterlagen.
Den Ausschlag gab schließlich Raina, die nach den Sommerferien drei Tage zu spät in den Unterricht kam und dies mit ihrer abenteuerlichen Rückreise aus ihrer Heimat Bulgarien begründete.
Sie berichtete von Pannen, endlosen Umwegen durch die deutsche Provinz und der Müdigkeit, die sie nach der fast zweitägigen Fahrt erfasst hatte. Ich habe mir zunächst einen Spaß daraus gemacht, Raina zu warnen, dass ich ihre Ausrede selbstverständlich überprüfen würde. „Ja, machen Sie das“, sagte sie und hat mir, als klar wurde, dass ich mich auf dieses Abenteuer einlassen würde, Tipps für wunderschöne Strände mit Sonnenscheingarantie am Schwarzen Meer aufgeschrieben. Nach über 40 Stunden Busfahren war allerdings auch ich zermürbt und kaputt. Ich weiß jetzt: Ihre Fehlzeiten sind unbedingt zu entschuldigen.
Im Epilog danken Sie Ihren Schülerinnen und Schülern für das, was Sie von ihnen gelernt haben. Was sehen Sie heute anders?
Ich habe großen Respekt davor, welche Anstrengungen einige Schülerinnen und Schüler und ihre Familien auf sich nehmen, um nach Europa und Deutschland zu kommen, weil sie hier auf eine bessere Zukunft hoffen. Damit verbunden ist die Erkenntnis, nicht von oben herab auf andere zu blicken, sondern sich darüber bewusst zu sein, wie privilegiert das eigene Leben ist. Ich verstehe durch meine Schülerinnen und Schüler jedenfalls besser, wie es sich anfühlt, wenn man eine Sprache kaum beherrscht, bei der Anmeldung an einer Schule aber alle möglichen Formulare ausfüllen muss und dabei sprichwörtlich sprachlos ist.
Mehr über das Programm
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