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„Die frühere DDR musste ich dazu malen“

Schülerinnen und Schüler, die ihn mit historischem Unwissen provo­zieren oder Fakten ver­drehen, bringen Christoph Kreutzmüller nicht aus der Ruhe. Ähnlichen Heraus­forderungen musste er sich Anfang der 1990er-Jahre auch als Fremdsprachen­assistent in England stellen.

Im Gespräch mit Christoph Kreutzmüller

Als wir uns 2015 schon einmal unterhalten haben, hatten Sie als Historiker einen positiven Blick auf die Gegenwart. Ist das heute auch noch so?

Ein Jahrzehnt kann viel verändern. Meine hoff­nungsfrohe Gelassenheit, dass die euro­päischen Gesell­schaften sich zum Fortschritt weiter­ent­wickeln würden, hat sich gelegt. Wollte ich jetzt heute noch einmal ein Jahr als Fremd­sprachen­assistent im Vereinigten Königreich absolvieren, müsste ich eine umfangreiche Visaprozedur über mich ergehen lassen. Und der hierzulande mühsam erarbeiteter Konsens, dass die Verbrechen der NS-Zeit die Negativfolie unserer Gesellschaft abgeben, ist teils verloren gegangen. Aber jammern lohnt nicht. Wir müssen neue Wege finden, Geschichte zu lehren und besser mit jenen ins Gespräch zu kommen, die Fakten ausblenden. Dazu müssen wir auch lernen das Netz viel besser zu nutzen und dort präsenter zu sein und meinungsstärker als die Gegner der Demokratie.

 

Provozierendes Ver­halten er­leb­ten Sie auch als Fremd­sprachen­assistent an einer Schule in Eng­land in den 1990er-Jahren. Im Unter­richt wurden Sie einmal sogar mit „Heil Hitler“ begrüßt. Wie haben Sie reagiert?

Ich glaube, ich habe einfach gelacht. Die Jungs aus der 8. Klasse wollten mich ja nur ärgern. Dabei war ich, was mein Aussehen betrifft, der komplette Gegenentwurf zu jenen typischen Deutschen, die diese Schüler dank einschlägiger Filme vermutlich vor Augen halten.

 

Seinerzeit waren in Groß­britannien auch schrille Stim­men zu vernehmen, die vor den Geistern der deut­schen Ver­gangen­heit warnten. Konnten sie deren Echo auch an der Schule hören?

In Kneipengesprächen war es präsent und das Unbehagen groß. Die Lehrer im „German Depart­ment“, die mich unter ihre Fittiche genommen haben, hatten hingegen ein positives Bild von Deutschland. Denen musste ich nicht erklären, dass hierzulande viele Menschen – auch ich – besorgt waren angesichts der Pogrome und Anschläge zum Beispiel in Rostock-Lichtenhagen oder Solingen.

 

War die Wieder­vereini­gung ein Thema im Gespräch mit Deutsch­lehrkräften oder im Unterricht? 

Was die Wiedervereinigung längerfristig bedeuten würde, war seinerzeit noch nicht abzusehen. Im Unterricht spielte das auch keine Rolle. Den Schülern habe ich eher versucht, einige praktische Konsequenzen der Wiedervereinigung aufzuzeigen. Das Thema „Arbeits­losigkeit“ beispielsweise konnten sie gut nachvollziehen. Ansonsten war ihnen das Land weitgehend fremd. Auf manchen Unterrichtsblättern, die seit ewiger Zeit vervielfältigt wurden, war auch nur die Karte der alten Bundes­republik eingezeichnet. Da musste ich die frühere DDR dazu malen.

Zur Person

Christoph Kreutzmüller, Jahrgang 1968, studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin Geschichte und Englisch. Nach seiner Promotion war er Pädagogischer Mitarbeiter der Bildungs­abteilung der Gedenk- und Bildungsstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“ und Kurator der neuen Dauer­ausstellung des Jüdischen Museums Berlin. Seit 2023 ist er stell­vertretender Projek­tleiter des Forschungs- und Dokumen­tationsprojekts LastSeen. Bilder der NS-Deportationen. Außerdem gehört er als Vorstandsvorsitzender dem Aktiven Museum Faschismus und Widerstand in Berlin an. 1994/95 war er Fremdsprachen­assistent an der Thomas Mills High School und der Stradbroke High School in Suffolk (England).

Slide von 
  • Nachgefragt

    Wer besucht die Gedenkstätte?

    „Anfangs kamen Schulklassen vor allem aus Deutschland. Inzwischen haben wir Gäste aus aller Welt. Die Besucherzahl hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt und die Gruppen haben sich extrem internationalisiert. Anfangs merkte man einigen Gruppen zudem an, dass sie mit der „Wannsee-Konferenz“ wenig anfangen konnten, weil dieser Aspekt im Unterricht kaum behandelt wurde. Dass sich das geändert hat, zeigt, welchen Stellenwert der National­sozialismus heute im Unterricht hat.“

  • Nachgefragt

    Royaler Kitsch als Souvenir

    Tassen mit diesem Motiv aus dem Kreis der royalen Familie standen Anfang der 1990er-Jahre hoch im Kurs. Eine davon hat sich auch Christoph Kreutzmüller besorgt. Sie begleitet ihn bis heute.

Wie kam es, dass Sie schon als Student freier Mitarbeiter der Gedenk- und Bildungsstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“ wurden?

Ich hatte Glück. Das neu eröffnete Haus suchte 1992 kurzfristig Leute, die nicht nur über historische Kenntnisse verfügten, sondern auch Fremdsprachen beherrschten. Das traf auf mich zu – auch weil ich während meines zivilen Ersatzdienstes im Jüdischen Historischen Museum in Amsterdam gearbeitet hatte.

 

Schülerinnen und Schülern heute muss die NS-Zeit weit entfernt erscheinen. Was bedeutet das für die Bildungs­angebote der Gedenkstätte?

Selbst die Großeltern vieler Schülerinnen und Schüler sind inzwischen zumeist nach 1945 geboren. Wir behandeln in unseren Seminaren also etwas, das emotional kaum Bezüge zur eigenen Person und Familie aufweist. Das erleichtert uns einerseits die Arbeit ein wenig, weil die Nabelschau entfällt. Sie wird zugleich aber schwieriger, weil sich eigene Großeltern nicht mehr als Zeitzeugen befragen lassen. Emotionale Nähe lässt sich aber nicht nur über die Familie, sondern auch über konkrete Orte oder Situationen erzeugen und erleben, die den Schülerinnen und Schülern aus dem Unterricht bekannt sind.

 

Werden Sie von Schülerinnen und Schülern gelegent­lich gefragt, warum sie sich über­haupt damit befassen sollen?

Jeder darf das fragen, zumal manche Gruppen einen regelrechten Gedenkstättenmarathon durch Berlin und Brandenburg hinter sich haben, wenn sie bei uns eintreffen. Unsere Aufgabe ist es, plausible Antworten darauf zu geben. Eine Antwort: Geschichte und Erinnerungskultur betrifft alle, die in unserer Gesellschaft leben, egal ob die Familie vor drei Generationen aus dem Libanon geflüchtet ist oder schon immer in Lüdenscheid gelebt hat. Auch die Werte und Normen, auf denen unsere Gesellschaft beruht, bauen auf Erfahrungen auf, die zu den Fehlentwicklungen im 20. Jahrhundert geführt haben.

 

In Berlin gibt es zahlreiche Gedenk­stätten zur deutschen Geschichte des 20. Jahr­hunderts. Wie würden Sie Ihre Einrichtung dabei verorten?

Das „Haus der Wannsee-Konferenz“ ist eine der ältesten Gedenkstätten in Berlin und sicher der Ort mit dem profiliertesten pädagogischen Programm. Wir bieten natürlich die klassische Führung an. Zusammen mit einer Kollegin habe ich – teils übrigens basierend auf meinen Erfahrungen in England – schon vor Jahren zudem ein Modell der Schüler-Selbstführung entwickelt, die etwa drei Stunden dauert und inzwischen in vielen anderen Gedenkstätten angewandt wird. Darüber hinaus kommen Gruppen aber auch zu ein- oder mehrtägigen Studientagen. Das Haus mit seiner Geschichte, seiner Bibliothek und seinem Garten bietet ihnen Anknüpfungspunkte für eigene Schwerpunkte. Morgen zum Beispiel haben wir junge Mechaniker zu Gast, die sich mit dem Thema „Technik im Nationalsozialismus“ befassen. Dass wir diese Formate anbieten können, hängt damit zusammen, dass wir nicht die Besucherströme bewältigen müssen, wie sie in anderen Gedenkstätten anzutreffen sind. Die Gruppen, die zu uns kommen, haben Zeit – auch zur Reflexion.