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Kulturschock Kehrwoche

Deutschland von seinen schönen Seiten zeigen, ohne Schönfärberei zu betreiben: Diese Mission verfolgt Agnès Caraby, die als Mitarbeiterin der Deutschen Botschaft in Paris junge Franzosen über Studiengänge und Praktika jenseits des Rheins informiert. Sie selbst kennt sich hierzulande unter anderem aus ihrer Zeit als Fremdsprachenassistentin gut aus.

Erfahrungsbericht einer Fremdsprachenassistenz

Gab es einen Wunschort?

Ich hatte mir Freiburg gewünscht, wurde aber an das Albeck-Gymnasium in Sulz am Neckar vermittelt. Den Ort musste ich erstmal auf der Karte suchen. Und ich hatte keine Vorstellung, was mich dort erwarten würde. Zur Anreise musste ich mehrmals umsteigen. Als es durch Freudenstadt Richtung Schwarzwald ging, bestand der Zug nur noch aus einem Waggon.

Wie war die erste Zeit an der Schule?

Der Anfang war schwer, weil es hier nichts gab. Und offen gesagt: Ich habe sogar geweint. Ich hatte kein Telefon, kein Fahrrad und auch keinen Fernseher. Hinzu kam, dass ich mich anfangs von den Lehrkräften an der Schule nicht beachtet fühlte. Ich kam mir sehr allein vor.

Was hat geholfen, um doch noch eine schöne Zeit in Sulz zu erleben?

Nach ein paar Tagen ging mir auf, dass ich Fragen stellen muss. Als ich damit begann, änderte sich mein Alltag schlagartig und ich wurde voll integriert: Ich konnte an Lehrerkonferenzen teilnehmen, durfte Prüfungen beiwohnen, bin mit auf Klassenfahrten gefahren und wurde zur Abifeier eingeladen. Am Schluss wollte ich gar nicht mehr weg. Wenn ich heute auf Veranstaltungen in Frankreich über Studienmöglichkeiten und Praktika in Deutschland informiere, empfehle ich den jungen Menschen deshalb immer: Fragt nach, wenn euch etwas unklar ist oder wenn ihr etwas braucht.

Agnès Caraby

Jahrgang 1968, hat an der Universität Rouen (Normandie) Germanistik studiert und arbeitet heute als Referentin in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Botschaft Paris. Im Schuljahr 1991/92 war sie Fremdsprachenassistentin am Albeck-Gymnasium in Sulz am Neckar.

Agnes Caraby steht neben drei Flaggen in einem Raum

Was ist eine „Kehrwoche“?

Diese Gewohnheit kannte ich nicht. Und ihre Bedeutung wurde mir auch nie erläutert. Dass ich mich nicht an die „Kehrwoche“ gehalten habe, war vielleicht einer der Gründe, warum einige Nachbarn kritisch auf mich schauten. Ich wohnte nämlich nicht direkt in Sulz, sondern in einem noch kleineren Ortsteil. Da standen die Menschen schon mal hinter ihren Gardinen und beobachteten, was die Französin wohl macht – und zu welcher Uhrzeit.

Wurde ein dialektaler Einschlag mit zurück nach Frankreich genommen?

Oh ja, denn viele Schülerinnen und Schüler haben Schwäbisch gesprochen, manchmal in meiner Gegenwart sogar mit Absicht, wenn sie wollten, dass ich nicht alles verstehe. Als ich mich später für die Stelle hier in der Deutschen Botschaft beworben habe, stellte mein künftiger Chef fest: „Sie sprechen mit schwäbischem Akzent.“ Mir selbst war das gar nicht bewusst.

 

Wie kam die Entscheidung für das FSA-Programm?

Ich habe in Rouen Germanistik studiert. An der Universität ging es aber ziemlich streng zu, was dazu führte, dass mir die Motivation verloren ging. Deshalb sagte ich mir, dass ich unbedingt noch einmal nach Deutschland gehen müsste. Das Programm für Fremdsprachenassistenz erschien mir gut geeignet, weil ich ein Stipendium bekam und meine Eltern mir dafür kein Geld geben mussten.

Slide von 
  • Fremdsprachenassistenz

    Lernen außerhalb der Lehrveranstaltung

    An der Universität habe ich viel über Literatur und Linguistik gelernt, aber wenig über den Alltag in Deutschland und die Lebensgewohnheit der Menschen erfahren. Dafür war das Jahr als Fremdsprachenassistentin genau richtig. In den Ferien bin ich deshalb auch in Deutschland geblieben und habe die Zeit genutzt, um andere Städte und Regionen kennenzulernen.

  • Fremdsprachenassistenz

    Alltagsgewohnheiten

    Es mag an der ländlichen Region gelegen haben, aber mir fiel auf, wie sehr die Menschen sich gegenseitig unterstützen und auf sich aufpassen. Und dass sie sich Zeit für Mittagsschläfchen nehmen, das war auch neu für mich. Außerdem sind mir die vielen Bräuche in Erinnerung, die oft etwas mit der Jahreszeit zu tun haben: Das Basteln und Plätzchenbacken vor Weihnachten, der Hexensprung im Fasching oder auch das Aufstellen des Maibaums.

Womit konnte das Interesse für Frankreich und Französisch hervorgelockt werden?

Ich erinnere mich an das damals aktuelle Lied „Né en 17 à Leidenstadt“ von Jean-Jacques Goldmann gemeinsam mit Carole Fredericks und Michael Jones. Die drei stellten sich die Frage, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland, Nordirland oder Südafrika gelebt hätten. Darüber konnten wir lange diskutieren. Und den Liedtext kannten die Schülerinnen und Schüler später auswendig. Wir haben uns außerdem den Spielfilm „L’effrontée“ von Claude Miller mit Charlotte Gainsbourg in der Hauptrolle angeschaut. Er erzählt von den Qualen der Jugend, also von Freundschaft, Träumen und Enttäuschungen. Das hat die Schülerinnen und Schüler natürlich interessiert. Sehr anspruchsvoll war die „Ironie à la Voltaire“, die ich einmal im Unterricht behandelt habe, nachdem ich einen Regentag mit dem Satz „Quel temps magnifique“ kommentiert hatte. Die Schülerinnen und Schüler sahen mich daraufhin mit großen Augen an, was ich zum Anlass nahm, dieses rhetorische Stilmittel und seine Bedeutung für die Literatur vorzustellen.