Erfahrungsbericht einer Hospitation
Schon seit einigen Jahren hatte sich Senta Winkler vom Romain-Rolland-Gymnasium Dresden gewünscht, nach Großbritannien zurückzukehren. Während ihrer Zeit als Fremdsprachenassistentin in Nordengland hatte sie bereits intensive Einblicke in das britische Schulsystem erhalten. Nun wollte sie ihre damaligen Erfahrungen weiterentwickeln und einen Perspektivwechsel von der Fremdsprachenassistentin zur Lehrkraft durchlaufen. Besonders interessierte sie dabei, wie sich Großbritannien und sein Bildungssystem nach dem Brexit verändert haben.
Eine Schule zwischen Leistungsanspruch und sozialen Herausforderungen
Die Boston Grammar School besuchen rund 850 Schüler (und Schülerinnen), denn bis auf die letzten beiden Klassenstufen ist sie eine reine Jungenschule. Erst in den Klassen 12 und 13 wechseln auch einige Schülerinnen an die Schule, unter anderem aufgrund des Kursangebots für die A-Levels.
Als sogenannte „selective school“ nimmt die Schule nur Schülerinnen und Schüler auf, die zuvor eine Aufnahmeprüfung bestanden haben. Senta Winkler erlebte die Schülerschaft daher als überwiegend leistungsstark und intrinsisch motiviert.
Gleichzeitig liegt die Schule in einer Region, die für britische Verhältnisse von vergleichsweise großer Armut geprägt ist. Aufgrund des Auswahlverfahrens ist dieser sozioökonomische Hintergrund innerhalb der Schule allerdings deutlich weniger spürbar als außerhalb der Schulmauern.
Schon während ihrer früheren Tätigkeit als Fremdsprachenassistentin an der Silcoates School, einer Privatschule in Wakefield, konnte Frau Winkler erfahren, dass Großbritannien weit mehr ist als Teetrinken und gepflegte Vorgärten. Auch Armut und soziale Probleme gehören zur Realität des Landes. In Boston konnte sie sich erneut und aus einer anderen Perspektive mit diesen Gegensätzen auseinandersetzen.
Die Boston Grammar School erlebte sie dabei als eine Schule, die ihren Schülerinnen und Schülern viel Wertschätzung entgegenbringt, gleichzeitig aber großen Wert auf Umgangsformen und Disziplin legt. Dazu gehört beispielsweise, dass Lehrkräfte konsequent mit „Yes, Miss“ oder „Yes, Sir“ angesprochen werden. Was ihr zunächst etwas streng und ungewohnt erschien, konnte sie vor dem Hintergrund der sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen der Region zunehmend nachvollziehen. Die Schule versteht sich auch als Gegenpol zu diesen Herausforderungen und möchte ihren Schülern gute Voraussetzungen für akademische Laufbahnen eröffnen.
Was ist anders als in Deutschland?
Besonders spannend war für die Lehrerin der Vergleich mit ihrem eigenen Schulalltag am Romain-Rolland-Gymnasium in Dresden.
Ein zentraler Unterschied liegt für sie in der starken Ausrichtung des britischen Systems auf Abschlussprüfungen. Schulen stehen untereinander in einem hohen Vergleichsdruck und müssen gute Prüfungsergebnisse vorweisen können. Dadurch entstand bei ihr der Eindruck, dass „teaching to the test“ und die Vorbereitung auf Prüfungen im britischen Schulalltag einen deutlich größeren Stellenwert einnehmen als in Deutschland.
Gleichzeitig verfügen britische Schulen über mehr Personal, das die Lehrkräfte im Schulalltag unterstützt. An der Boston Grammar School gibt es beispielsweise ein „Cover Team“, das bei Erkrankungen von Lehrkräften einspringt und dadurch Unterrichtsausfälle reduziert. Hinzu kommen unter anderem ein eigenes IT-Team sowie Assistenzkräfte in Kunst und den Naturwissenschaften.
Auch die sogenannte „Registration“ hat Winkler überzeugt. Dabei kommen Klassenleitung und Schülerinnen und Schüler täglich zu einem festen Zeitpunkt zusammen. Gerade für die Beziehung zwischen Klassenleitung und Klasse, aber auch aus organisatorischen Gründen, hält sie dieses Modell für sinnvoll.
Generell gewann sie während ihres Aufenthalts den Eindruck, dass britische Lehrkräfte mehr unterrichten und eine höhere Präsenzzeit in der Schule haben. Deutsche Lehrkräfte müssten dafür viele zusätzliche Aufgaben stärker in ihre Unterrichtszeit sowie in die für Korrekturen und Unterrichtsvorbereitung vorgesehene Zeit integrieren.
Senta Winkler
Gastschule: Boston Grammar School (Vereinigtes Königreich, Region Lincolnshire)
Heimatschule: Romain-Rolland-Gymnasium (Dresden)
Mehr über das Programm
Hier gibt es alle Informationen über das Hospitationsprogramm im Vereinigten Königreich.
Weitere Programme und Fördermöglichkeiten mit dem Vereinigten Königreich.
Alle hörten interessiert und aufmerksam zu.
„Es wurde immerzu sehr angeregt gelauscht und die Schüler wollten sehr viel wissen, was mich immens gefreut hat."
Mitten im Deutschunterricht
Während ihrer beiden Wochen übernahm Senta Winkler unterschiedliche Aufgaben. In etwa acht bis zehn Klassen unterstützte sie den Deutschunterricht und lernte dabei verschiedene Jahrgangsstufen und Unterrichtssituationen kennen.
Besonders intensiv war die Arbeit mit vier Schülern, die sich auf den mündlichen Teil ihrer Abschlussprüfungen vorbereiteten. In mehreren Einzelgesprächen in der Bibliothek unterstützte sie die Jugendlichen bei ihren selbst gewählten Themen. Diese reichten von der Allianz Arena und Otto Lilienthal über den Dieselskandal bis zum Berliner Nachtclub Berghain. Für Senta Winkler waren diese Gespräche besonders spannend, weil sie die Schüler dabei intensiver kennenlernen und sich ausführlich mit ihnen über ihre Themen austauschen konnte.
Darüber hinaus nutzte sie ihren Aufenthalt für Hospitationen in anderen Fächern. Sie besuchte unter anderem den Englischunterricht sowie die Fächer Business und Economics, die sich mit Teilen des deutschen Faches Wirtschaft und Politik überschneiden.
„Ich wusste zu jeder Zeit, wann ich wo sein musste"
Von Anfang an willkommen
An der Boston Grammar School wurde Senta Winkler von Beginn an eng begleitet und in den Schulalltag eingebunden. Die für sie zuständige Deutschlehrerin hatte bereits vor ihrer Ankunft einen detaillierten Stundenplan für beide Wochen vorbereitet und gemeinsam mit ihr besprochen. Gleichzeitig wurde sie nicht nur als Besucherin, sondern als gleichwertiges Mitglied der Deutschfachschaft aufgenommen.
Auch das übrige Kollegium erlebte sie als ausgesprochen freundlich und offen. Während des gesamten Aufenthalts habe sie sich willkommen und gut aufgehoben gefühlt.
Die erste Woche verbrachte Senta Winkler bei ihrer betreuenden Lehrerin und deren Mann. Dort wurde sie vollständig in den Alltag integriert und konnte an sportlichen und gesellschaftlichen Aktivitäten teilnehmen, zu denen sie als Touristin vermutlich keinen Zugang gehabt hätte. Am Wochenende unternahmen sie gemeinsame Ausflüge in den Peak District und an die Küste nach Skegness.
Die letzten fünf Werktage wohnte sie anschließend in einem kleinen Hotel im Stadtzentrum von Boston, nur wenige Minuten von der Schule entfernt. So konnte sie die Region auch selbstständig erkunden und eigenen Interessen nachgehen. Die Kombination aus Gastfamilie und eigenständigem Aufenthalt war für sie „the best of both worlds“.
Zwei Wochen, viele neue Perspektiven
Zusammenfassend beschreibt sie ihre Erfahrungen als durchweg bereichernd: „Ich habe mich bei dem Hospitationsprogramm für Lehrkräfte im Vereinigten Königreich beworben, um wieder in die Kultur Großbritanniens einzutauchen und vor allem einen Blick in das post-Brexit Großbritannien zu werfen. Diese Erwartung wurde übererfüllt. Ein Schlüsselmoment war für mich, als ich in der 9. Klasse ein Bild der Frauenkirche zeigte. Ich erklärte, dass die Bombardierung Dresdens ein Racheakt der Briten gewesen war, nachdem wir Coventry bombardiert hatten. Daraufhin meinte der englische Deutschlehrer, der mit mir in der Klasse war, dass er sich noch daran erinnern kann, wie seine Oma mit sechs Jahren die Bombardierung Coventrys miterlebt hatte. Ich wiederum erklärte den Schülern, dass meine Oma neun Jahre alt gewesen war und von den Bombardierungen erzählt hatte. Das war ein Aha- sowie emotionaler Schlüsselmoment, weil man gemerkt hat, wie den Schülern aufging, dass wir heute freundlich und unbesorgt miteinander interagieren können, wo doch unsere Großeltern gegenseitig so furchtbares Leid erfahren mussten. Da schwoll mein Politiker- und gleichzeitig Englischlehrerinnen-Herz stark an und diesen Moment werde ich definitiv meinen Schülerinnen und Schülern in Deutschland noch viele Jahre erzählen.“
„Ich habe meine Zeit hier sehr genossen"
