Erfahrungsbericht eines Schulaustauschs
Ein Wald braucht Zeit, um zu wachsen und sich zu entwickeln – ähnlich wie eine Schulpartnerschaft. Dass beides sogar Hand in Hand gehen kann, zeigen das Gymnasium Neustadt an der Waldnaab und The Scindia School in Gwalior, Indien. Gemeinsam arbeiten sie, nachdem sie sich 2020 über die Initiative „MINT Zukunft schaffen!“ kennengelernt haben, mit ihren Austauschgruppen an fortlaufenden Renaturierungs- und Aufforstungsprojekten.
Arbeiten im indischen „Ecopark“
Auf dem Hügel des Gwalior Fort, in dem sich auch die Scindia School befindet, hat die Schule mit dem „Ecopark“ eine heimisches Biotop eingerichtet. Auf dieser praktischen Lernfläche sammeln die Schülerinnen und Schüler Erfahrungen in nachhaltiger Landschaftsgestaltung. Die Austauschgruppen aus Neustadt an der Waldnaab werden seit Beginn der Partnerschaft aktiv in dieses langjährige Projekt mit eingebunden. So konnten sie schon bei der ersten durch den Pädagogischen Austauschdienst geförderten Begegnung 2022 an Aufforstungsarbeiten teilnehmen und beim Zuschneiden von Bäumen, der Bearbeitung der Erde und Pflanzaktionen helfen.
Eine besondere Herausforderung bringt das indische Klima mit: Die starken Schwankungen in der Wasserversorgung zwischen Trocken- und Regenzeit sind für die Pflanzenwelt immer wieder ein Stresstest. Um hierauf besser angepasst zu sein, diskutierten die Schülergruppen den Einfluss immergrüner Pflanzen auf Wasserknappheit und das Ökosystem. Spezielle Lösungsansätze lernte die deutsche Gruppe mit den Techniken der Tröpfchenbewässerung oder des Xeriscaping (dürretolerante Landschaftsgestaltung) kennen. Mit diesen Ansätzen erreichten die Jugendlichen beim Besuch 2024 gemeinsam einen neuen Meilenstein und legten eine 300m² große Wiederbewaldungsfläche an. Außerdem wurden 500 Setzlinge für den Besuch im Folgejahr vorbereitet, sodass das Projekt nahtlos an eine neue Generation übergeben werden kann.
Partnerschaft Gymnasium Neustadt an der Waldnaab (Bayern) und The Scindia School (Gwalior, Indien)
Thema: Forest & Ecology
Zeitraum: November 2024 und Mai 2025
Anzahl Schülerinnen und Schüler: insgesamt 16
Altersstufe: 15 bis 18 Jahre
Die Begegnung in 2024 wurde mit rund 2.250 € aus Fördermitteln des Auswärtigen Amtes gefördert.
Die vierte Begegnung der Partnerschaft in 2025 wurde mit rund 2.340 € aus Fördermitteln des Auswärtigen Amtes gefördert.
Mehr über das Programm
Hier gibt es alle Informationen zur Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ (PASCH).
Der heimische Schulwald als Lernort
Genau wie die Scindia School verfolgt auch das Gymnasium Neustadt an der Waldnaab langfristige Ziele im Bereich der Renaturierung. Waldpflege ist in Neustadt eine „stolze Tradition“: So steht an das Schulgelände angrenzend ein ein Hektar großes Waldstück als Schulwald zur Verfügung. Dieser soll mit der Zeit von einem Fichtenwald zu einem Mischwald umgeforstet werden. Erste Baumpflanzaktionen wurden 2024 zusammen mit den indischen Schülerinnen und Schülern durchgeführt. 300 Laubbäume setzte die Gruppe mit vereinten Kräften um, außerdem befreite sie eine 500m² große Wiesenfläche von Lupinen - eine invasive Pflanzenart, die heimische Gewächse verdrängt und die Artenvielfalt gefährden kann.
Bei den gemeinsamen Aktionen lernten die Schülerinnen und Schüler viel über die in Deutschland heimischen Biotope und wuchsen als Gruppe schnell zusammen. Besonders, wenn sie stolz die Ergebnisse der eigenen Arbeit präsentieren konnten. So stand 2025 das Anlegen eines Waldlehrpfades auf dem Plan. Auch hierbei wurden wieder fleißig Bäume gepflanzt, Wege abgesteckt und informative Schilder gedruckt. Ein Sandarium (Fläche aus Sand, in denen Bienen nisten können) und ein selbst gebautes Insektenhotel vervollständigten die Anlage schließlich, sodass der Pfad am Ende der Begegnung eingeweiht werden konnte.
Helfende Hände, starke Partner
Als Ergebnis für die teilnehmenden Jugendlichen erhofft sich Koordinator Dr. Frank Uhl vor allem eine Erweiterung der eigenen Perspektive: „Wir wollen das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Umweltschutz wecken. Zudem sollen den Schülerinnen und Schülern Methoden vermittelt werden, mit denen sie selbst aktiv am Umweltschutz mitwirken können.“ Hierbei können die Gruppen auf tatkräftige Unterstützung von verschiedenen Expertinnen und Experten bauen. In Indien erhielten die jungen Ökologinnen und Ökologen einen Einblick in die Arbeit von Jitendra Jawale, der in Indien zum Schwerpunkt Energietechnik forscht. Außerdem konnten sie sich mit dem Umweltforscher Yuvan Aves austauschen und spannende Impulse für ihre Renaturierungsprojekte erhalten.
In Deutschland ist vor allem der Maschinenring „Neustadt & Weiden“ ein wichtiger Partner. Ob bei Fräsarbeiten im Waldlehrpfad oder durch eine Kurzausbildung im Waldbau: beim Maschinenring haben indische wie deutsche Schülerinnen und Schüler viel praktisches Wissen an die Hand bekommen. Im Anschluss ging es dann noch auf Entdeckungstour. Im nahegelegenen Naturschutzgebiet „Doost“ konnte die Gruppe das Gelernte unter Anleitung von Ranger Michaela Griener in freier Wildbahn anwenden. Bei der Bestimmung von verschiedenen Waldtypen lernten sie neue Lebensräume kennen, die nicht nur den indischen Gästen wie eine ganz eigene Welt erschienen. Das Landratsamt Neustadt an der Waldnaab begleitete das Programm unterstützend, insbesondere durch die fachliche Mitwirkung von Frau Treiber als Gartenfachberaterin.
Medienkompetenzen entwickeln im Schulaustausch
Nicht nur auf der schulischen Obstwiese zeigt sich, dass die gemeinsame Arbeit der jungen Ökologinnen und Ökologen Früchte trägt. Während jeder Begegnung haben die Gruppen in unterschiedlichen Formen Berichte über ihre Erlebnisse erstellt. So verfassen die indischen Schülerinnen und Schüler jährlich ein Booklet zur Bestimmung der heimischen Flora und Fauna – zu Wildpflanzen, Vögeln und Insekten. 2024 stand in Indien dann die Teilnahme an der „Editor’s Conference“ auf dem Plan: hier lernten die Schülerinnen und Schüler in Experten-Workshops das journalistische Handwerk kennen und setzten es direkt in die Praxis um. Das Ergebnis ist eine Reisezeitung mit dem Titel „The New-Comers“, in der die Deutschen über ihre kulturellen Erfahrungen als westliche Gäste in Indien berichten.
„Es öffnet Türen“
„Being foreigners in India means we often feel like outsiders, but it also opens a door to connect with people in ways we hadn't anticipated. The friendly waves, the fascination, the hospitality, and even the begging all becomes part of our experience, making us feel both welcomed and challenged. But it is also a lesson for ourself too, that we always give people from another country enough space and be respectful and friendly, because you never know how they feel about it or how their ethics and culture is.“
Während ihrer Begegnung 2025 entdeckten sie schließlich das Medium Podcast für sich. Unter dem Motto „Probleme beim Schüleraustausch. Was ich besser vorher gewusst hätte“ wurden Fragen diskutiert, die die Inder wie die Deutschen gleichermaßen beschäftigten. Von ihren Berichten sollen besonders auch die nachfolgenden Austauschgenerationen lernen, um sich noch besser auf zukünftige Besuche vorbereiten zu können.
Gemeinsam in die Zukunft
Aktivitäten wie diese tragen dazu bei, dass sich die Partnerschaft des Gymnasiums Neustadt und der Scindia School beständig weiterentwickelt. So stellt Koordinator Dr. Frank Uhl zur jüngsten Begegnung fest: „Das Gemeinschaftsgefühl von Deutschen und indischen Schülerinnen und Schülern war bei noch keinem unserer Austausche derartig stark.“ Ein wichtiger Baustein hierfür ist, die Schülerinnen und Schüler schon lange vor dem eigentlichen Austausch in das Projekt einzubinden und Berührungspunkte zu schaffen – so bleiben die Verbindungen auch nach den Besuchen noch lange bestehen.
Aber auch zwischen den Schulleitungen hat sich die Zusammenarbeit mit der Zeit stetig vertieft. Den Austausch über ihre pädagogischen Grundsätze sehen die Schulen als Chance, ihre Schülerinnen und Schüler noch besser auf die Zukunft in einer interkulturellen Welt vorzubereiten. Schulleiter Francisco García begleitet die Partnerschaft kontinuierlich auf Leitungsebene und war beim Besuch 2024 in Indien persönlich vor Ort, wo er die Zusammenarbeit strategisch weiter ausbaute und den Austausch im Sinne eines Job Shadowings nutzte, um Impulse für Schulentwicklung und internationale Kooperation in die eigene Schule zu übertragen. So ist die Partnerschaft inzwischen für alle zu einem Herzensprojekt geworden und wird auch weiterhin Schülerinnen und Schülern wie Lehrkräften eine Gelegenheit geben, zusammen zu wachsen.
