Nachgefragt bei einer Expertin
Wir haben mit Dr. Elizaveta Firsova-Eckert von der Leibniz Universität Hannover darüber gesprochen, welche Auswirkungen ein deutsch-israelischer Austausch für Schülerinnen und Schüler haben kann.
Welche langfristigen Effekte eines deutsch-israelischen Jugendaustauschs konnten Sie feststellen?
Besonders deutlich zeigen sich die Effekte in der nachhaltigen Veränderung, wie Jugendliche den Nahostkonflikt wahrnehmen. Damit einher geht eine größere Bereitschaft, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen. Selbst fünf Jahre nach dem Austausch zeigen ehemalige Teilnehmemende hier signifikant höhere Werte als Jugendliche ohne Austauscherfahrung. Darüber hinaus fördert der Austausch die Ablehnung von Antisemitismus, das Interesse am Thema Nahostkonflikt sowie die Bereitschaft, sich auch über den Austausch hinaus in der Freizeit mit dem Thema zu befassen.
Welche Voraussetzungen sollten erfüllt sein, damit diese Nachhaltigkeit eintritt?
In meine Studie habe ich nur Jugendliche aus Austauschformaten einbezogen, die nicht rein touristischer Natur waren, sondern auch als Lern- und Bildungssettings verstanden werden können. Hierfür gibt es eine Reihe von Kriterien, etwa: Das gemeinsame Lernen und Diskutieren über die Geschichte Israels oder Gespräche mit jüdischen und arabischen Jugendlichen. Diese Aspekte habe ich in der Befragung erhoben und nur diejenigen Jugendlichen berücksichtigt, die angaben, dass zumindest ein Teil dieser Kriterien in ihrem Austausch eine Rolle gespielt hat. Dieses Vorgehen war durch den thematischen Fokus meiner Studie auf den Nahostkonflikt begründet. Gleichzeitig lässt sich, frei nach Goethe, auch argumentieren, dass bereits das Reisen selbst nachhaltig bildet. Und diesen Gedanken halte ich für wichtig. Denn im Austausch erleben Jugendliche eine von Widersprüchen geprägte Gesellschaft und begegnen aus erster Hand den Lebensrealitäten anderer junger Menschen in ihrem Alter.
Wie sollte der deutsch-israelische Jugendaustausch damit umgehen, dass in einer postmigrantischen Gesellschaft viele Menschen den Satz „Nie wieder ist jetzt“ nicht unmittelbar mit ihrer eigenen Familiengeschichte verbinden?
Darin sehe ich eine der zentralen Herausforderungen. Die historischen Gründe für den deutsch-israelischen Austausch bleiben zwar wichtig, sie tragen aber nicht mehr allein. Austausch muss deshalb heute beides leisten: Erinnerung wachhalten und zugleich Raum für unterschiedliche Lebensrealitäten, Perspektiven und auch ambivalente Gefühle schaffen. Die große Stärke des Austauschs liegt in der konkreten Begegnung, die Feindbilder irritieren, Empathie fördern und Erfahrungen ermöglichen kann, die Unterricht allein kaum ersetzen kann.
Und wo liegen seine Grenzen?
Die liegt dort, wo von ihm erwartet wird, Polarisierung, Krieg und politische Überforderung aufzulösen. Wenn jede Begegnung unter dem Druck steht, sofort ein eindeutiges politisches Urteil produzieren zu müssen, wird der Austausch überfordert. Zugespitzt gesagt: Das Soziale muss im Vordergrund stehen, nicht die Erwartung, dass Jugendliche im Austausch den Nahostkonflikt stellvertretend lösen. Pädagogisch entscheidend ist deshalb, Räume für Fragen, Emotionen und Ambivalenzen zu schaffen und sensibel zu überlegen, was in der Gesamtgruppe besprochen werden kann und wofür es geschützte Formate braucht.
Gelingt das in ausreichendem Maße?
In meiner Studie zeigt sich auch, dass der deutsch-israelische Jugend- und Schüleraustausch bislang oft weniger heterogen ist, als man annehmen würde: Viele Teilnehmende kommen aus gymnasialen Kontexten, haben keinen Migrationshintergrund und sind christlich geprägt oder konfessionslos. Hier sehe ich deutliches Entwicklungspotenzial. Es wäre wichtig, weitere Zielgruppen stärker einzubeziehen, damit die Erfahrung nicht nur einem Teil unserer heutigen Gesellschaft vorbehalten bleibt.
Zur Person
Dr. Elizaveta Firsova-Eckert ist leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Didaktik der Demokratie der Leibniz Universität Hannover. In ihrer Promotion hat sie die Wirksamkeit des deutsch-israelischen Jugendaustauschs hinsichtlich politischer Bildungsprozesse zum Nahostkonflikt untersucht.
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Hier gibt es alle Informationen über den Austausch mit Israel.
