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Virtuelles Kennenlernen und ein echter Austausch

Florian und Guilhem segeln gerne und teilten diese Leidenschaft auch während ihres einjährigen Schüleraustauschs. Kennengelernt und angefreundet hatten sie sich unter anderem mithilfe eines Videospiels.

Erfahrungsbericht eines deutsch-französischen Austauschpaars

Austauschpartner gefunden - mit dem DFJW

Ein Jahr lang in einer anderen Familie leben, den Schulalltag mit Gastgeschwistern teilen und vielleicht auch deren Hobbies und den Sommerurlaub – diese intensive Erfahrung ermöglicht das Voltaire-Programm, an dem Florian aus Eschwege (Hessen) und sein Austauschpartner Guilhem dieses Jahr teilgenommen haben. Ihre Vorbilder waren die eigenen Brüder: Da Florians Familie bereits zweimal für eine kürzere Dauer französische Gastschüler aufgenommen hat, stand für ihn fest, dass er selbst zum Austausch nach Frankreich gehen wollte.

Auf der Website des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW)  veröffentlichte der 15-Jährige eine Kleinanzeige in der Hoffnung, einen Austauschpartner mit ähnlichen Interessen zu finden. So kam der Kontakt mit dem ein Jahr älteren Guilhem zustande, der in Enghien-les-Bains lebt. Die Gemeinde liegt im „Banlieue“ von Paris an einem See, dem Lac d‘Enghien. Auch in Eschwege ist der Weg ans Wasser nicht weit. Zum Werratalsee sind es von der Innenstadt nur 10 Minuten zu Fuß.

Computerspiele zum Kennenlernen

In zwei Videogesprächen stellten Guilhem und Florian fest, dass sie nicht nur große Brüder und eine Leidenschaft fürs Segeln haben, sondern auch für Videospiele. Von da an trafen sich beide fast jedes Wochenende in der virtuellen Welt des Computerspiels „Minecraft“ und lernten sich so besser kennen. „Für mich waren diese Videospiele wirklich wichtig. Das hat mir Sicherheit gegeben, dass wir zueinander passen.“ Und auch Florian empfiehlt, sich vorher Zeit zum Kennenlernen zu nehmen: „Ich glaube, dann fällt der Einstieg leichter, wenn man den anderen schon einigermaßen kennt, seine Bedürfnisse und wie er so tickt.“ 

Guilhem

Gastschule: Anne-Frank-Schule, Hessen
Heimatschule: Lycée Gustave-Monod, Frankreich
 

Florian

Gastschule: Lycée Gustave-Monod, Frankreich
Heimatschule: Anne-Frank-Schule, Hessen

„Alle segeln“

Florian segelt schon seit der Grund­schulzeit und besitzt ein eigenes Boot. Auch in Guilhems Familie hat der Sport eine lange Tradition: „Es gehört zur Familie: Mein Papa, meine Brüder, meine Groß­eltern – alle segeln“, berichtet er.

Der Unterschied im Schulalltag

Guilhems große Brüder nahmen in der achten Klasse ebenfalls an einem Austausch mit Deutschland teil, allerdings nur eine Woche. „Als ich Florian gefunden habe, erschienen mir sechs Monate aber auch eine gute Idee.“ Die beiden bewarben sich deshalb gemeinsam für das Voltaire-Programm. Bevor Guilhem ab Februar ein halbes Jahr lang den Unterricht an der Anne-Frank-Schule in Eschwege kennenlernen konnte, hatte er bereits vier Jahre Deutsch gelernt. An seiner Schule, dem Lycée Gustave-Monod, besucht er eine AbiBac-Klasse, die auf das deutsch-französische Abitur vorbreitet. Die Zeit an Florians Schule hat er sehr genossen: „Es war echt cool und der Stundenplan war unglaublich. Es war jeden Tag nur bis 13 Uhr Schule und die Lehrkräfte waren sehr nett, fast befreundet mit den Schülerinnen und Schülern.“ Nur vom Französischunterricht zeigt Guilhem sich etwas enttäuscht. „Die Klasse war nicht so motiviert“, bedauert er. Das deckte sich mit Florians Eindruck vom Englischunterricht an Guilhems Schule, wo er ohne allzu große Anstrengung glänzen konnte.

Die langen Schultage in Frankreich waren für Florian anfangs ungewohnt. Einen weiteren Unterschied stellte er in der Klassengröße fest: Während in seiner Klasse in Eschwege gerade einmal 18 Schülerinnen und Schülern unterrichtet werden, waren es am Lycée Gustave-Monod doppelt so viele ‒ mit Auswirkungen auf das Verhältnis zu den Lehrkräften: „Das Verhältnis ist distanzierter. In Deutschland entsteht stärker eine Klassengemeinschaft. Hier dagegen war es so: Der Lehrer unterrichtet und danach hat man kaum etwas mit ihm zu tun“, hat er beobachtet. Umso mehr nutzten Florian und Guilhem den gemeinsamen Alltag für Sprachunterricht in Eigeninitiative. Beiden verbesserten sich konsequent gegenseitig und machten auf Fehler aufmerksam. Eines der ersten neuen Wörter, die Florian von Guilhem gelernt hat, war „assiette“ für Teller – das zu einem seiner Lieblingswörter geworden ist. Guilhem wiederum ist ein Fan von Florians selbstgemachtem Nudelsalat – ohne Mayonnaise, versteht sich.
 

Faszination Flugzeug

Guilhems Herz schlägt für alles, was von einem Motor angetrieben wird. Besonders Flugzeuge faszinieren ihn. Er geht davon aus, dass seine guten Deutschkenntnisse hilfreich sein können, um später einmal Berufslaufbahn als Pilot einschlagen zu können. Solche konkreten Pläne hat Florian noch nicht. Die Zeit in Frankreich nutzte er stattdessen, um neue Hobbies auszuprobieren. So meldete er sich im Tischtennisclub an und begann seine Fähigkeiten mit dem Cello zu verbessern.

Erhobener Finger Ein Erhobener Finger, der aufmerksam machen soll.

Weitere Programme für Schülerinnen und Schüler

Allgäu oder Bretagne?

Natürlich nutzten die beiden Jungs die gemeinsame Zeit auch zum Reisen. In Deutschland waren sie unter anderem in Berlin, Leipzig, Hannover und zum Urlaub im Allgäu. In Frankreich standen ein Besuch bei Guilhems großen Bruder in der Normandie und ein Urlaub in der Bretagne bei den Großeltern auf dem Programm. Ein Wiedersehen nach dem Abschluss des Austauschjahrs ist ebenfalls geplant: Vor seiner mündlichen Abschlussprüfung möchte Guilhems ein paar Tage bei Florians Familie verbringen, um sein Deutsch zu reaktivieren.