Das Logo von Erasmus+

Kohlrabi und Kohlenstoffkreislauf

So nahe der Nachbar, so anders der Alltag in Schule und Familie: Diese Erfahrung machten Noémie und Emma, die 2022 am deutsch-französischen Schüleraustausch Voltaire teilgenommen haben.

Erfahrungsbericht eines deutsch-französischen Austauschpaars

Von urbaner Hektik ins Großstadtleben

Noémi kommt aus Frankreich, dort besucht sie die „Seconde“ an einer katholischen Privatschule in Athis-Mons, einer Kleinstadt südlich von Paris. Im Februar 2022 aber tauschte sie die urbane Hektik der Ile-de-France mit dem Alltag in der Freien Hansestadt Bremen. Bis zu den Sommerferien besuchte sie das Kippenberg-Gymnasium und lebte in dieser Zeit bei ihrer Gastschwester Emma und deren Familie.

Ermöglicht hat ihr diese Erfahrungen das Voltaire-Programm. Der einjährige Schüleraustausch (siehe Infokasten) wird im Auftrag des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) von der Voltaire-Zentrale im Centre Français de Berlin organisiert. Der Pädagogische Austauschdienst (PAD) als Kooperationspartner in Deutschland ist dabei Ansprechpartner für die Schulen und Schulbehörden. Gemeinsam koordinieren sie unter anderem die Auswahl der Schulen und die Zuordnung möglichst passender Austauschpaare. Denn wenn zwei Schülerinnen oder Schüler fast ein Jahr miteinander verbringen und dazu ihre gewohnte Umgebung verlassen, sollten sie sich in dieser Zeit gut verstehen.

Im Falle von Noémie und Emma ist das aufgegangen. Und trotz aller Freizeitaktivitäten an den Wochenenden und Montag-Nachmittagen ging es natürlich auch um den Schulbesuch. Auf den blickt Noémie angesichts holpriger Anfänge mit gemischten Gefühlen zurück. „Die erste Zeit war anstrengend, weil mein Vokabular nicht ausreichend war und ich mich ständig konzentrieren musste“, sagt sie. Was nicht nur für jene Fächer galt, die ohnehin nicht zu ihren Lieblingen zählen, sondern auch für solche, die viel Textarbeit abverlangen, zum Beispiel Geschichte. „Anfangs bin ich immer um 20 Uhr ins Bett gefallen.“ Abgeschreckt hat sie das allerdings nicht – und sie hat die Herausforderung angenommen, etwa den „Kohlenstoffkreislauf“ auf Deutsch nachzuvollziehen. Gerade die naturwissenschaftlichen Fächer haben ihr besonders gefallen, weil dabei oft auch experimentiert wurde.

Noémi

Gastschule: Kippenberg-Gymnasium, Bremen
Heimatschule: Lycée St. Charles, Frankreich
 

Emma

Gastschule: Lycée St. Charles, Frankreich
Heimatschule: Kippenberg-Gymnasium, Bremen

Erhobener Finger Ein Erhobener Finger, der aufmerksam machen soll.

Weitere Programme für Schülerinnen und Schüler

„Ich vermisse die Montage“

Was wohl die meisten Schülerinnen und Schüler zum Auftakt einer Arbeitswoche trübe die Augen reiben lässt, weckt in Noémie gute Erinnerungen: „Ich vermisse die Montage“, sagt die 16-Jährige, wenn sie auf ihre Zeit in Bremen zurückblickt. Statt langer Tage im Klassenzimmer endete der Unterricht nämlich dank eines günstigen Stundenplans immer schon um 11:30 Uhr. Entsprechend viel Zeit blieb am Nachmittag für Hobbys und eigene Interessen. Sei es, um per Rad die Stadt zu erkunden, sich in neuen Sportarten auszuprobieren oder in einem Chor die Stimme zu üben. Was Schülerinnen und Schülern hierzulande kaum außergewöhnlich erscheint, war für Noémie eine neue Erfahrung. 

Von Bremen nach Athis-Mons

Enge Taktung im Stundenplan

Wie anstrengend die Schule und der Alltag sein können, wenn sie durch eine andere Sprache bestimmt werden, weiß inzwischen auch Emma. Seit September lebte sie mit Noémie und ihrer Familie in Thiais und besuchte die „Seconde“ am Lycée St. Charles. Doch statt „Savoir-vivre“ war die Woche gefüllt durch den eng getakteten Stundenplan bis in den späten Nachmittag und eine andere Form des Unterrichts: Mit dem ausgiebigen Frontalunterricht und den vielen Klassenarbeiten musste Emma sich erst arrangieren. „Das war stressig“, sagt sie heute, selbst in ihrem Lieblingsfach Geschichte, dessen Inhalte etwa zur europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts sie an ihrer französischen Gastschule durch eine ganz andere Perspektive vermittelt bekam.

„Lass Dich nicht demotivieren“

„Am Anfang habe ich fast nichts verstanden, auch wenn oft nur zwei, drei Vokabeln gefehlt haben. Die aber waren essenziell, um den Inhalt zu erfassen.“ Doch deshalb aufgeben kam nicht in Frage. „Lass Dich nicht demotivieren, wenn Du Fehler machst, denn Du stehst ja nicht unter dem gleichen Notendruck“, gibt sie deshalb künftigen Voltaire-Schülerinnen und -Schülern mit auf den Weg. Auch wenn sie nicht leugnen will, dass die Schule in Frankreich einem viel abverlangt. „Die Lehrer gehen davon aus, dass wir auch nach 18 Uhr und am Wochenende Hausaufgaben machen“, sagt sie. Zeit für Hobbys bleibt oft erst am Abend.

Auf den Geschmack gekommen

Was nicht bedeutet, dass keine Zeit für Erkundungen im Alltag blieb. Mit dem Fahrrad haben Noémie und sie sich auf den Weg nach Paris gemacht und dabei die Tücken im Straßenverkehr kennengelernt. „Die Radfahrenden werden von den Autofahrern nicht besonders respektiert“, konnte Emma feststellen. Und natürlich sind die beiden auf die Aussichtsplattform des Eiffelturms gestiegen. Weil der Besucherandrang groß war, kamen sie dort zwar erst in der Dunkelheit an. Umso eindrucksvoller zeigte sich dann allerdings, dass Paris nicht zufällig als „Stadt der Lichter“ gilt. Gemeinsam mit Noémie und ihren Eltern besuchte Emma außerdem Familienangehörige in Annecy. Dort, nahe der Grenze zur Schweiz, lernte sie Frankreich von einer anderen Seite kennen ‒ ländlich geprägt und ohne den Trubel der Großstadt.

Sprichwörtlich auf den Geschmack gekommen sind beide nach dem Austauschjahr allemal: Weil in der Familie von Emma viel Gemüse aufgetischt wird, hat Noémie die vielen Geschmacksvarianten des Kohlrabis kennengelernt. Und Emma weiß inzwischen, dass ein handgeformtes Baguette aus der Bäckerstube nicht zu vergleichen ist mit industrieller Massenware. Wie Emma will auch Noémie sich weiter in der Sprache ihres Gastlandes auf Zeit üben: „Ich möchte weiter Deutsch lernen, damit die Sprache nicht aus meinem Leben verschwindet“, sagt sie. Eine gute Gelegenheit hat sie spätestens dann, wenn Emma nach Bremen zurückgekehrt sein wird. Noémie will sie dann dort besuchen.